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Blog und Diskussion

Jugendkriminalität: Darf man unter 14 stehlen?

Mag. Dorit Bruckdorfer - 2.7.2009 14:10

Jugendliche sind streng miteinander. Jugendliche glauben, dass auch zehn- bis 14-Jährigen durchaus bewusst ist, wenn sie Grenzen überschreiten. Experten glauben das nicht. Sie meinen: Jugendliche würden zwar biologisch früher reifen, ihre soziale Entwicklung hinkt dieser frühen Adoleszenz aber hinterher. Die Fachleute finden: Die Jugend spiegelt die Erwachsenenwelt wider. Man kann von Jugendlichen nicht etwas verlangen, was ihnen Erwachsene nicht vorleben.

Bei den NEUSTART Positionen Salzburg zum Thema „Zehn- bis Vierzehnjährige „straffällig“ – was tun?“ am 18. Juni 2009 waren sich Expertinnen und Experten aus Wissenschaft (Christian Grafl), Sozialarbeit (Hans Jörg Schlechter), Jugendarbeit (Thomas Schuster), Jugendpsychiatrie (Leonhard Thun-Hohenstein), der Jugendanwaltschaft (Andrea Holz-Dahrenstaedt) und die Landesschulinspektorin (Birgit Heinrich) einig: Nicht mit der Strafrechtskeule dreinschlagen, wenn Kinder und Jugendliche (strafrechtliche) Grenzen überschreiten, sondern altersadäquat reagieren. Mit mehr Präventionsarbeit, mehr elterlicher Zuwendung, Peer-Mediation, Reduktion von medialem Gewaltkonsum. Jedenfalls nicht mit Herabsetzung der Strafmündigkeit und nicht mit abschreckenden Maßnahmen.

Auch Jugendliche kamen als Experten in eigener Sache zu Wort. In einem vom Verein Spektrum gedrehten Video wurden Kinder unter anderem gefragt, ob man unter 14 Jahren stehlen dürfe, welche Erfahrungen sie mit Bestrafung gemacht haben und ob die Strafmündigkeitsgrenze gerechtfertigt ist. Die Antworten offenbarten, dass manche Kinder zum Teil keine rechte Vorstellung davon haben, welche Handlungen Straffälligkeit bedeuten (man darf unter 14 stehlen, weil man strafunmündig ist – oder doch nicht, weil man überhaupt nicht stehlen soll) und – beim Thema Geldstrafen – welchen Wert Geld hat.

Anders sehen das die Schülerinnen und Schüler der 3B der Hauptschule Lehen: Sie haben sich im Unterricht mit dem Thema Gewalt, Sachbeschädigung und „anderes“ beschäftigt und mit der Fragestellung „was stellen zehn- bis 14-Jährige an?“ mögliche Ursachen analysiert und Lösungsvorschläge geliefert. Die Grenze zwischen Jugendkultur und Kriminalität ziehen die Kids schon dort, wo Gewalt angedroht wird (Mobbing) und nicht erst dort, wo sie ausgeübt wird. Sowieso kriminell sind für sie Sachbeschädigung, Drogenverkauf und Körperverletzung.

Gesetze und Grenzen findet die 3B gut, „damit kein Chaos herrscht, damit man keinen Ärger bekommt, mit seinen Mitmenschen besser umgehen kann – damit Kriminalität erst gar nicht anfängt“. Die Herabsetzung der Strafmündigkeit wird von der 3B befürwortet, „weil auch jüngere Kinder genau wissen, was sie machen“ und die Konsequenzen ziehen sollten, „wenn sie etwas Unrechtes tun“. Die Gründe für Fehlverhalten sind für die Jugendlichen mannigfaltig: Gewalt wird ausgeübt, weil es Spaß macht, man sich stark fühlt, um cool zu sein, weil man wütend ist, keine Grenzen kennt oder zu einer Gruppe gehören will. Wer stiehlt kann das aus Geldmangel tun, wegen Problemen mit Eltern oder Geschwistern, auch die Mutprobe ist ein Grund für Diebstahl. Aggressionen bedingen Vandalismus; die Schule wird geschwänzt, weil man Schulfrust hat, in der Schule oder zu Hause Probleme hat oder einfach keine Lust auf die Schule. Raucher wollen cool sein oder zu einer Gruppe gehören, mit Alkohol will man Frust und Probleme wegtrinken.

Die Lösungsvorschläge der Schülerinnen und Schüler sind teilweise drakonisch: Auf körperliche oder psychische Gewalthandlungen (tyrannisieren, andere Kinder bedrohen, schlagen, boxen, mobben) würden sie mit Verwarnung von Polizei oder Schule, einem Ausschluss von Schulveranstaltungen oder gar Verweis von der Schule reagieren (Marko, der berichtet, dass er durch seinen Ausschluss von einer Schulveranstaltung Konsequenzen aus eigenem Fehlverhalten gelernt hat, bekommt vom Fachpublikum lebhaften Applaus). Bei Diebstahl (in Kaufhäusern, Spinde in Schulen aufbrechen) oder Vandalismus (eingeschlagene Fenster, kaputte Räder oder Graffitis „obwohl einige Jugendliche denken, das wäre Kunst“) schlägt die 3B polizeiliche Anzeige und Sozialdienst, Schadenersatz oder Geldstrafe als Konsequenz vor. Für das „Delikt“ Schule schwänzen fordert sie neben dem Nachholen verpasster Stunden auch eine Anzeige und Bestrafung der Eltern, da diese dafür zuständig seien, dass ihre Kinder in die Schule gehen. Auch die Streichung der Familienbeihilfe wäre für die Jugendlichen eine Reaktionsmöglichkeit aufs Schuleschwänzen. Beim Rauchen oder Alkohol trinken sollte vor Verkauf der Ausweis kontrolliert werden, Geschäfte, die an Minderjährige verkaufen, würde die 3B mit hohen Geldstrafen belegen.

Wäre die 3B der Bundeskanzler, würde sie für Jugendliche folgendes machen: Die Mitgliedschaft in Sportvereinen fördern, mehr Freizeiteinrichtungen schaffen, mehr Sportangebote gratis anbieten, kostenlose Museumsbesuche und Vergnügungsparks, die öffentlichen Verkehrsmittel in den Ferien gratis anbieten, betreute Jugendgruppen einrichten, Kurse zur Aggressionsbewältigung, Kurse für Eltern mit Problemkindern, Kurse für seltene Sportarten in der Schule (insbesondere Kampfsportarten, bei denen man „Disziplin und Respekt vor dem Gegner“ lernt), viele unverbindliche Übungen, damit Kinder mehr Spaß an der Schule bekommen, gemütliche Klasseneinrichtungen mit Rückzugsecken, damit es in der Schule gemütlicher wird.

Fazit: Die Nachsicht der erwachsenen Expertinnen und Experten korreliert teilweise nicht mit der Ansicht der betroffenen Kids. Sieht man diese als Spiegelbild der Gesellschaft, muss man sich fragen: „Von wem haben die das?“

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