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Blog und Diskussion

Mehr Tatausgleich für unsere Jugendlichen!

Dr. Christoph Koss - 30.7.2009 12:57

Um der gesellschaftlichen Sichtweise von uns Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen auf den Grund zu gehen empfehle ich, im Internet nach Zitaten zu googeln. Bei Kindern kommen fast ausschließlich positive Sprüche, die von Glück, Unschuld, Phantasie und so weiter sprechen, während wir Erwachsene beziehungsweise das Bildungssystem als potenzielle Gefahr für das Abtrainieren dieses Potenzials gesehen werden. Aus der Vielzahl nur ein paar Beispiele:

  • „In jedem Kinde liegt eine wunderbare Tiefe.“ (Robert Schumann)
  • „Wir sollen es mit den Kindern machen, wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns in freundlichem Wahne so hintaumeln lässt.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther)
  • „Die Erwachsenen begehen eine barbarische Sünde, indem sie das Schöpfertum des Kindes durch den Raub seiner Welt zerstören, unter herangebrachtem, totem Wissensstoff ersticken und auf bestimmte, ihm fremde Ziele abrichten.“ (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

Ganz anders sieht das Bild beim Thema Jugend aus. Sie gilt als schwierig, hat weder Werte noch Moral und geht uns insgesamt auf die Nerven. Schön wäre es, wenn es dieses Alter nicht gäbe. Auch dazu zwei Zitate:

  • „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“(Sokrates)
  • „Ich wollte, es gäbe kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen.“ (Shakespeare, das Wintermärchen, der alte Schäfer, 3. Akt, 3. Szene)“

Wenn man die Medienberichte und so manche politische Aussage analysiert, dann fängt der Übergang vom unschuldigen Kinderbild zum brutalen Jugendlichen heute bereits bei zehn bis zwölf Jahren an. Keine Frage, Pubertät bedeutet eine Auseinandersetzung mit sich und der Welt. Dabei müssen Grenzen erprobt und erfahren werden, was bedeutet, dass überwiegend Mann und weniger Frau sie im Einzelfall auch überschreitet.

Dunkelfelduntersuchungen aus Deutschland (in Österreich gibt es sie leider nicht) zeigen, dass praktisch jeder (typischerweise im Kindes- und Jugendalter) eine mit Strafe bedrohte Handlungen verübt, wobei die Belastung von Mädchen hinter der von Jungen zurückbleibt. Bei 90 bis 95 Prozent der Kinder und Jugendlichen handelt es sich um eine episodenhafte Kriminalität, die vorwiegend unbedeutende Begebenheiten im sozialen Nahraum wie Gelegenheitsdiebstähle, Sachbeschädigungen und Raufereien betrifft (Kaiser 1993, Heinz 2006). Diese Geschehnisse werden nur ausnahmsweise amtlich bekannt und klingen im fortgeschrittenen Alter oft auch ohne Intervention von selbst ab.

Dieses Phänomen betrifft jede Jugendgeneration, so sie Grenzen erprobt – also auch unsere Jugendzeit. Wichtig wäre es hier, adäquat zu regieren, etwa mit dem Tatausgleich. Der verlangt vom Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit dem Übertreten einer Norm – nicht abstrakt, sondern was das aus menschlicher Sicht für das Opfer an Angst, Ärger, Wut und Problemen bedeutet. Gleichzeitig muss er oder sie sich aktiv und kreativ überlegen, wie eine Wiedergutmachung aussehen könnte, die das Opfer annimmt. Das ist keine leichte Herausforderung, aber erfolgreich und konstruktiv, indem der Jugendliche selber etwas tun kann und dabei für seine Zukunft lernt.

Warum reden wir heute eigentlich lieber völlig undifferenziert über die Jugend, über Bootcamps, Schnupperhaft oder strenge und harte Strafen? Und das, obwohl es sich bei 90 bis 95 Prozent um Jugendliche handelt, die für eine gewisse Zeit Grenzen überschreiten, so wie das offenbar auch schon zu Zeiten von Shakespeare, aber auch in unserer Jugendzeit der Fall war? Sollten wir nicht vielmehr darüber reden, dass der Tatausgleich trotz seiner Erfolge und hoher Opferzufriedenheit bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren von 2.600 Konfliktregelungen um 44 Prozent auf 1.448 Fälle im Jahr 2008 zurückgegangen ist? Nur ein Teil lässt sich durch die Herabsenkung der Anwendung des Jugendstrafrechts von 19 auf 18 Jahre im Jahr 2001 erklären, wobei auch hier zu fragen ist, warum wir das getan haben.

Es ist wichtig, dass uns Straftaten von Kindern und Jugendlichen nicht gleichgütig sind, aber wie wir reagieren, darin zeigt sich die Haltung einer Gesellschaft. Wollen wir, dass unsere Jugendlichen lernen, dass nur Strenge und Strafe hilft, obwohl das Gegenteil bewiesen ist, oder wollen wir die Wirkung von Wiedergutmachung und Auseinandersetzung als Orientierung für das künftige Leben in unserer Gesellschaft weitergeben? Und zwar nicht als Lippenbekenntnis, sondern als Vorbild? Wenn wir Letzteres wollen, dann sollten die Medien regelmäßig über erfolgreiche Konfliktregelungen und die Bedeutung der Wiedergutmachung berichten. Gleichzeitig müsste die Konfliktregelung in den nächsten Jahren eine Unmenge Arbeit haben. Ich meine, dass wir Eltern uns gegen das Bild, das über unsere Kinder immer wieder gezeichnet wird, zur Wehr setzen müssen. Unsere Kinder können das nicht, sie sind zahlenmäßig mittlerweile zu wenige und politisch zu unbedeutend.

Dr. Christoph Koss ist Leiter des Zentralbereichs Sozialarbeit bei NEUSTART

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