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Blog und Diskussion

Schon wieder: 40-Jähriger bei Einbruch erwischt

David Paast - 16.10.2009 09:33

Diese Headline haben sie sicher in noch keiner Zeitung gesehen. Warum nicht? Weil es eigentlich niemanden wirklich besonders interessiert. Was ist schon speziell an einem 40-jährigen Einbrecher?

„Schon wieder prügeln Jugendliche auf Passanten ein“. Diese Überschrift kommt ihnen bekannt vor? So, oder ähnlich haben sie es gelesen? Warum ist der jugendliche Delinquent soviel interessanter für die Medien und deren Konsumenten als ein 40-jähriger Einbrecher? Gibt es soviel mehr gewaltbereite Jugendliche als Einbrecher mittleren Alters? Stellen diese also kaum ein Problem dar und werden zu Recht kaum beachtet? Natürlich nicht. Jede Kriminalstatistik wird bestätigen, dass es sich genau andersrum verhält. Warum also rücken gerade jugendliche Delinquenten so in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit? Wer hat am Ende was davon, Jugendliche an den öffentlichen Pranger zu stellen?

Der Journalist Florian Klenk von der Wochenzeitung Falter gab bei der 2. Präventionsfachtagung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit zum Thema Jugendkriminalität einen Einblick in seine Branche und zeigte auf, wie Berichte entstehen. Er schätzt, dass rund neunzig Prozent der erscheinenden Artikel nicht auf Eigeninitiative bei der Themensuche fußen, sondern bewusst lanciert werden. Viele Journalisten arbeiten also auf Zuruf. Sie verarbeiten Presseaussendungen und gelieferte Inhalte. Diese zugetragenen Berichte unterliegen stets einer Agenda. Irgendjemand will damit ein bestimmtes Bild erzeugen, Stimmung machen, bezweckt etwas damit. Nur in den seltensten Fällen werden Journalisten von sich aus aktiv. Gespickt mit hinterfragenswerten Grafiken und bestenfalls halbwahren Statistiken wird ohne größere Anstrengung eine Doppelseite zugetextet. Auch werden Geschichten miteinander in Verbindung gebracht, die nichts miteinander zu tun haben; und schnell wird ein Trend festgestellt, so zum Beispiel der Trend zu Gewalt unter Jugendlichen. Das Ganze wird dann noch um das Statement eines herbeitelefonierten Experten ergänzt um der Fachlichkeit genüge zu tun, schließlich ist zumindest der Anschein von Seriosität zu wahren. Viel zu selten treten Journalisten heute noch den Weg ins Archiv an oder versuchen weiter zu recherchieren.

Berichte müssen termingerecht, schnell und modern gestaltet sein, die Zeit für Gespräche mit Beteiligten oder intensive Recherche ist meist nicht vorhanden. Die Zeitungen werden zu „Real-Time-Medien“ wo die schnelle Verarbeitung der Inhalte wichtiger ist, als die fundierte Überprüfung. Daraus resultiert ein öffentliches Bild der Jugend, das nur minimal auf sie zutrifft. Noch nie war unser Land so sicher wie heute und trotzdem kommt einem das Fürchten, wenn man eine Tageszeitung aufschlägt.

In  Phase eins wird Stimmung erzeugt, Meinung gemacht. Dies macht aber nur dann Sinn, wenn in Phase zwei eine mögliche Reaktion auf das „neue“ Phänomen angepriesen werden kann. Man muss den Lesern also verdeutlichen, dass Jugendkriminalität ein großes und wachsendes Problem ist, um ihnen die Lösung schmackhaft zu machen – und schon sind Bootcamps für Jugendliche eine gute Idee. Zeitungen sind mehr denn je auch Produkte, die am Markt abgesetzt werden müssen. Die „Quote“ bestimmt maßgeblich, was interessiert und was nicht. Gewalt ist leicht zu vermarkten, der „Markt des Schauderns“ ist sehr gut besucht und leicht kann dort verkauft werden, was unsere Lust am Schaudern befriedigt. Denn eines gilt für jedes Medium: Je höher die Reichweite, desto höher der Profit.

Die Jugend reagiert auf das verzerrte Bild, das in der Öffentlichkeit zurzeit gezeichnet wird, auf zweierlei Art: Ein durchaus positiver Effekt ist, dass Jugendliche sich ihre eigenen Medien schaffen. Sie benutzen Plattformen wie Myspace oder Facebook viel versierter als die meisten Erwachsenen, informieren sich, tauschen sich so aus. Die Jugendlichen von Krems reagierten auf die reißerischen Berichte über die Jugend in ihrer Stadt mit einem eigenen Weblog, in dem sie ihre Sicht der Dinge darstellten und ihrer Trauer über die Geschehnisse Ausdruck verliehen. Dies in einer würdevolleren und aufrichtigeren Art und Weise als jeder zum Thema erschienene Artikel des Boulevardjournalismus. Negativ ist, dass die ständige Verfügbarkeit neuer medialer Auswürfe zum Thema Jugendgewalt und Jugendkriminalität mit dazu beiträgt, dass Jugendliche nicht nur konsumieren wollen. Eine Tat gilt erst dann, wenn sie beweisbar ist, am besten durch Fotos oder Filmaufnahmen. Straftaten existieren erst dann, wenn sie gefilmt wurden. Bilder von Überwachungskameras oder besser noch vom eigenen Handy müssen als Beweis für die Tat geliefert werden, sonst hat sie nicht stattgefunden.

Was ist nun wirklich los? Wird unsere Jugend jetzt krimineller als früher oder nicht? Bei derselben Tagung gab im Vorwort Ministerin Claudia Bandion-Ortner Einblick in die aktuelle Entwicklung. Im Hinblick auf die hohe mediale Präsenz des Themas Jugendkriminalität gab sie zwar an, dass die Anzeigen von 2004 bis 2008 um 25 Prozent stiegen, wobei dem eine Verschiebung von Dunkel- zu Hellfeld zugrunde liegt. Die Verurteilungen nahmen nämlich im selben Zeitraum um zehn Prozent ab. Sie verwies auch auf die großen Erfolge der Diversion, speziell Tatausgleich und Vermittlung gemeinnütziger Leistungen bei Jugendlichen. Diese hätten sich sehr bewährt und werden von ihr als Erfolgsstory bezeichnet; pädagogisch wertvolle Interventionen als sinnvolle Alternative zu Jugendhaftstrafen. In diesem Zusammenhang bekräftigte die Ministerin auch, dass sie entschieden gegen eine Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters ist.

Unsere Jugend muss gleich zweimal den Kopf hinhalten. Einmal um ein einfaches und plausibles Erklärungsmodell für etwas zu liefern, was viel komplexer und vielschichtiger ist. Sie wird isoliert von allen gesellschaftlichen Einflussfaktoren betrachtet und als Paradebeispiel oder gar Verantwortlicher für eine Beschleunigung, Abhärtung und ein gefühlt kälteres Klima untereinander missbraucht. Zum anderen ist sie oft journalistisches Rohmaterial; wie Vieh, das zum Markt getrieben, marktschreierisch angepriesen und bestbietend verkauft wird. Der Viehmarkt ist der Zeitungsstand und das Papier die Verpackung für das, was wir verspeisen. Der billige Konsumartikel mit kaum vorhandener Halbwertszeit verdrängt leider viel zu oft die gut recherchierten und objektiven Beiträge, die es zweifelsfrei immer noch gibt.

David Paast ist Bewährungshelfer bei NEUSTART Wien 21 / Korneuburg

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Zu diesem Beitrag gibt es |2 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Andreas Zembaty schrieb am 29.10.2009 08:25

... nur die halbe Wahrheit!
Die andere Hälfte: Bis Ende September 2009 375 Medienberichte von NEUSTART lanciert; darunter rund 200 zum Thema Jugendkriminalität; darunter Doppelseite in Samstag KRONEN ZEITUNG, Kommentar in ÖSTERREICH, Doppelseite in KLEINE ZEITUNG, Berichte im ORF und so weiter...
Es liegt an uns, die "andere" Seite der Kriminalitätswirklichkeit zu lancieren, bei den Medien stehen die Türen offen! Der Rückzug auf Qualitätsmedien ignoriert das Informationsbedürfniss der Masse und ist selbstgerecht und elitär. Deshalb Aktion statt Rückzug!
P.S. Die Formulierung "wie Vieh, das zum Markt getrieben, marktschreierisch angepriesen und bestbietend verkauft wird. Der Viehmarkt ..." stößt ab und verwendet dieselbe Sprache wie der zuvor kritisierte Boulevard.

Robert Nettel schrieb am 20.10.2009 13:44

Eine Zeitung, die mit der Schlagzeile „40-Jähriger bei Einbruch erwischt“ aufmacht, würde keiner kaufen.
Eine Zeitung, die keiner kauft, wird nicht gelesen.
Eine Zeitung, die nicht gekauft/gelesen wird, hat keine Überlebenschance.
Eine Zeitung, die überleben will, muss sich an den Konsumbedürfnissen ihrer Leser orientieren – ob es uns nun passt oder nicht.
Wie diese Konsumbedürfnisse von Lesern erzeugt werden, ist natürlich eine ganz andere Frage: Da spielen massive politische Interessen eine Rolle, der Zeitgeist, kollektive Sehnsüchte, kollektive Ängste, kollektive Verblödung … Mit kausalen Erklärungen kommen wir da aber nicht weiter. Denn wenn wir die Presse nun als den Verursacher allen Übels endlich aufgespürt haben („Only bad news are good news“, „Schere im Kopf“, Berichterstattung auf Zuruf usw.), dann mag das zwar unserem Bedürfnis, für alles und jedes immer irgendeinen „Schuldigen“ finden zu müssen, entgegenkommen – aber das ist auch schon alles. An den Umständen, am System der Informationsvermarktung, ändert das garnichts.
Erfolgreiche Strategien gegen die Dummheit gibt es leider nicht.
Höchstens sehr individuelle Lösungsansätze.
Um an das Beispiel vom Vieh, das zum Markt getrieben wird, anzuknüpfen: Ich könnte zum Beispiel Vegetarier werden. Den Markt mit den unglücklichen Rindviehchern zerschlagen wird diese Maßnahme zwar auch nicht, aber dann fühl ich mich vielleicht besser.
Auf unseren gegenständlichen Fall übertragen, könnte das heißen: „News“ abbestellen und den „Falter“ abonnieren !
Was Klügeres fällt mir dazu beim besten Willen nicht ein.
Robert Nettel