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Blog und Diskussion

Plädoyer für interdisziplinäre Fallarbeit bei süchtigen Jugendlichen

Mag. Michael Klingseis - 21.10.2009 09:00

Mit dem Ausbau und der Differenzierung des Angebots psychosozialer Hilfestellungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten sind wesentlich umfangreichere Möglichkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit entstanden. Diese werden bis heute nur bedingt wahrgenommen und in Zeiten wachsenden Einsparungsdrucks und Konkurrenzdenkens tendenziell vernachlässigt. Dabei erweist sich ein gut koordiniertes Zusammenwirken verschiedener, mit der Notlage eines Menschen befasster Spezialisten und Fachbereiche als effizienter und wirksamer als der engagierteste „Alleingang“. Ein Arbeitsfeld, an dem sich die Herausforderungen und Notwendigkeiten interdisziplinärer Fallarbeit besonders plastisch nachzeichnen lassen, ist die Arbeit mit süchtigen Jugendlichen. Zur Realisierung eines Hilfeplans für solche Jugendliche bedarf es der Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen.

Sozialarbeiter: In den niederschwelligen jugendsozialarbeiterischen Einrichtungen (Notschlafstellen, Kriseninterventionszentren…) den Jugendämtern oder der Bewährungshilfe wird die Problematik meist erstmals offenkundig. Über eine systematische Bestandsaufnahme ihrer Lebenslage werden die Betroffenen mit einem Verständnis ihrer Problematik konfrontiert, das anfangs oft wenig Affinität mit ihren durch die „Szene“ geprägten Selbstdeutungen hat. Zudem ist es für den weiteren Verlauf günstig, den Angehörigen die Problemlage jenseits von „moralischer Verfehlung“ und „Schuld“ zu übersetzen. Ziel ist ein (einigermaßen) gemeinsames Verständnis der Situation und eine „Ratifizierung“ des Arbeitskonzepts durch die Betroffenen. Obwohl es in weiterer Folge zum Aufeinandertreffen mit (definitions-)mächtigeren Institutionen kommt, bleibt der Sozialarbeit oft die mühsame Koordinationsfunktion.

Juristen: Da Sucht als „strafbare Krankheit“ gilt, treten im Fall einer Anzeige zuerst Juristen mit Bezug zum Strafrecht in Aktion. Nach Einbringung des Strafantrags beziehungsweise der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft an das Gericht beginnt häufig die Kooperation mit dem Rechtsanwalt des Beschuldigten. Bei Vorbereitungstreffen zur Gerichtsverhandlung werden Expertisen ausgetauscht, die Anwälte präsentieren Detailanalysen des Strafakts und liefern Einschätzungen hinsichtlich der erwartbaren Sanktionen, Sozialarbeiter bereiten die psychosoziale Situation plus sozialkonstruktiver Vorschläge auf. Sozialarbeiter müssen für eine gelingende Überzeugungsarbeit an die Adresse der Juristen über die gesetzliche Lage und die „Logik des Gerichtsbetriebs“ Bescheid wissen. Juristen müssen sich mit Begriffen wie „Polytoxikomanie“ oder „drogeninduzierter Psychose“ und dem Netzwerk sozialarbeiterischer Einrichtungen auseinandersetzen. Alle Beteiligten lauschen während der Verhandlung mitunter den Ausführungen eines gerichtlich beeideten Sachverständigen zu Fragen der „Diskretions- und Dispositionsfähigkeit“ der Beschuldigten, somit den Ausführungen eines Psychiaters, also einer weiteren Berufsgruppe, die als Kooperationspartner eine Fixgröße rund um Sucht und Therapie bildet.

Mediziner: Die notwendige Vernetzung beginnt idealerweise bei den Hausärzten der Klienten. Sie kennen deren Geschichten häufig schon seit vielen Jahren und sind wichtige Partner bei der Motivierung und den einzuleitenden überbrückenden Maßnahmen (zum Beispiel Substitution) bis zur häufig notwendigen Aufnahme in eine Entzugsstation. Die interdisziplinäre Kooperation ist in dieser Phase von besonderer Bedeutung, weil die ärztliche Behandlung (etwa eine bestimmte Medikation) nur bei mitunter erst zu organisierender Existenzsicherung (Wohnmöglichkeit…) durchführbar ist. In weiterer Folge (Aufnahme in eine Entzugsstation…) steuern Sozialarbeiter bei Bedarf ihr Wissen über relevante biographische Geschehnisse der Klienten bei und/oder füllen deren Erinnerungslücken bei den umfangreichen Datenabfragen einer Klinikadministration. Sie erhalten ihrerseits Informationen über die komplexe Vorgangsweise einer Entwöhnungsbehandlung durch das Team der Station und Einschätzungen zu einer adäquaten, weiterführenden Therapie.

Therapeuten: Die Kooperation mit Therapeuten ist durch deren strenge Verschwiegenheitspflicht geprägt. Verläuft eine (stationäre) Therapie einigermaßen nach Plan, so beschränken sich die Kontakte zu den Therapeuten meist auf einen kurzen Informationsaustausch zu Beginn der Behandlung und eine Mitteilung über sozialarbeiterisch relevante Erkenntnisse gegen Ende hin (zum Beispiel: Patientin X sollte nach der Entlassung möglichst nicht wieder im Elternhaus wohnen). Seltener erhält der Sozialarbeiter auch relevante Hinweise zu diagnostischen Einschätzungen und Prognosen. Im Gegenzug interessieren sich Therapeuten für Wahrnehmungen der Sozialarbeit „im Feld“ (also beispielsweise bei Hausbesuchen), um so die von den Klienten gelieferten Informationen zu validieren.

Diese etwas schematische Darstellung eines koordinierten, zielorientierten Zusammenwirkens verwandter oder zumindest benachbarter Fachgebiete bei der Bearbeitung einer speziellen psychosozialen Problemlage illustriert den Aufwand sowie die Sinnhaftigkeit des professionellen Handelns in Netzwerken, lässt aber auch Rückschlüsse auf deren Voraussetzungen und Hindernisse zu. Für das Gelingen interdisziplinärer Kooperationen sind institutionelle Offenheit, wechselseitiger Respekt, inhaltliche Grundkenntnisse der relevanten Fachgebiete und entsprechende Ressourcen unabdingbar. Dementsprechend hinderlich erscheinen Konkurrenz und Machtdemonstrationen sowie eine durch budgetäre Verknappung weiter geförderte „Schrebergartenmentalität“.

Mag. Michael Klingseis ist Sozialarbeiter bei NEUSTART Tirol

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