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Blog und Diskussion

Schlüsselknecht und Laberknabe

Rainer Schafhuber - 5.10.2009 15:21

Neue Wege in der Bewährungshilfe: Affekt-Kontroll-Training® als Brücke zwischen Innen und Außen

Wir (Guido Riepl, Justizwachebeamter und Rainer Schafhuber, Bewährungshelfer) führten im Rahmen von Anti-Gewalt-Trainings beim Verein NEUSTART einen jeweils in sich geschlossenen Tag Affekt-Kontroll-Training® (AKT®) durch. Das heißt: Acht bis zwölf junge gewaltbereite Erwachsene, zwei oder drei Anti-Gewalt-Trainerinnen und -trainer und ein Justizwachebeamter trainieren gemeinsam. Trainieren meint beim AKT® unter anderem körperliches Erleben von Konfliktlösungsstrategien, Meditation, Diskussion und Arbeit mit Tierbildern. Hier im NEUSTART weblog möchte ich ein Bild zeichnen und erste Denkanstöße geben. In der Novemberausgabe unseres Online-Magazins zubtil e-zine werde ich dann ausführlicher über unsere Erfahrungen berichten.

Ich habe heuer meine Grundausbildung zum Trainer abgeschlossen. Beim AKT® handelt es sich um eine Haltung (Körperhaltung, Gesinnung, Einstellung), es geht um Haltungsschulung und -überprüfung und nicht um eine neue Methodik. Ein Grundpfeiler lautet: Lernen geschieht lebenslang und ist notwendig, um beweglich (im Flow – vergleiche Mihaly Csikszentmihalyi) zu bleiben. Daraus ergibt sich, dass ich zwar ein Zertifikat bekommen habe, Weiterbildung allerdings im Sinne von Haltungsschulung und Überprüfung lebenslang täglich geschieht. (Frei nach dem Motto: Der Mensch bringt täglich sein Haar in Ordnung, warum nicht auch sein Herz?)

Gemeinsam mit mir waren auch 16 Justizwachebeamtinnen und -beamte, eine Sozialarbeiterin und ein Sozialarbeiter vom sozialen Dienst und fünf NEUSTART Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ausbildung. Es wurde sehr schnell sichtbar, dass zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von drinnen (Gefängnis) und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von draußen (Freiheit) Ressentiments bestehen. Es wurde deutlich, dass traditionell kein Kontakt (mit Ausnahme vom sozialen Dienst) und damit keine Berührungspunkte bestehen. Das erklärt, wieso aus dem Justizwachebeamten der „Schlüsselknecht“ und aus dem Sozialarbeiter der „Laberknabe“ wird (die weibliche Form soll jede Leserin und jeder Leser selbst wählen). Dabei liegt der Kontaktpunkt sehr nahe: Wir bieten alle Wegbegleitung an.

Ich trainiere nun seit gut drei Jahren gemeinsam mit Guido Riepl Gruppen, in denen Menschen, die kurz vor ihrer Enthaftung stehen, lernen sollen, sich in dieser Umbruchsphase zu orientieren und zu bewegen. Die meisten Entlassenen wollen vom Gefängnis nichts mehr wissen – bis sie dann wieder drin sind. Es ist ja dieselbe Konfliktbewältigungsstrategie, die damals zur Straffälligkeit geführt hat (starre Muster), die bei der nächsten Krise (und die kommt, wie wir ja alle erfahren, gewiss) wieder wirksam wird. Aus diesem Grund ist die Begleitung von drinnen nach draußen so wichtig. Durch die Kombination Angestellte oder Angestellter der Justiz und Angestellte oder Angestellter von NEUSTART erlebt der (Ex)Gefangene die Realitäten von drinnen und draußen. Dadurch ist die Abspaltung des jeweils Fremden nicht mehr möglich. Es müssen Kontaktpunkte gesucht werden, dadurch entsteht dann Berührung mit sich selbst sowie mit der jeweils anderen Welt – die Auseinandersetzung kann geführt werden. Das funktioniert (für den Klienten) allerdings nur, wenn wir es vorleben.

Eines der ganz tollen Erlebnisse während der Ausbildung war es, zu sehen, dass die Neugierde auf das Fremde sowohl in einem selbst als auch im anderen eine Suche nach konstruktiven Konfliktlösungswegen bewirkt und eine Absichtsänderung in einem selbst hervorruft. Zum Schluss möchte ich hier noch folgende Vision mit Ihnen teilen: Die Herausforderung, die sich uns stellt, ist, den Übergang von der Konkurrenz in die Kooperation zur Assoziation (vereinigen, verbinden, verknüpfen, vernetzen) zu meistern. Zu bedenken gilt jedoch: Bringe erst dich in Ordnung, dann dein Haus, deinen Ort...

Siehe auch: http://www.affektkontrolltraining.de/

Rainer Schafhuber ist Bewährungshelfer bei NEUSTART Steiermark

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

rainer schrieb am 11.11.2009 20:13

danke für deine mutigen worte

Peter schrieb am 10.11.2009 11:19

Neben der beruflichen und sozialen Integration so wie der materiellen Sicherung ist die Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt ein ganz wesentlicher Teil der Entlassungsvorbereitungen (Brücke von Innen nach Außen). Das Erkennen von eigenen konstruktiven und destruktiven Anteile einerseits und andererseits das Auffinden sozialverträglicher Konfliktlösungen sollte dabei ein Anliegen aller im Strafvollzug und in der Nachbetreuung Tätigen sein.
Leider ist das A.K.T. derzeit im Strafvollzug nur noch ein Randthema und lebt vom Engagement und der Sozialkompetenz Einzelner.
Deshalb: Hochachtung für eure Haltung und Arbeit. Ich bin schon neu"gierig" auf euren nächsten Artikel.
LG Peter

Guido schrieb am 09.11.2009 19:15

Hallo Christian
Über den genauen Ablauf des Trainings folgt ein Artikel von Rainer.
Eine interessante Erfahrung war für mich mit Jugendlichen zu arbeiten, die schon erste Erfahrungen mit der Justiz gemacht haben und für die ich eigentlich der Feind war. Sie hatten die Möglichkeit einen Justizwachebeamten von einer anderen Seite kennen zu lernen. Sie kamen ja mit einer vorgefertigten Meinung zu uns und waren dann völlig überrascht, dass ein Schlüsselknecht sich auch für ihre Probleme interessiert und ihnen helfen möchte einen anderen Weg einzuschlagen. Ich war für sie plötzlich greifbar und Nähe und Vertrauen war möglich.
Für weitere Fragen stehen wir natürlich gerne zur Verfügung
LG Guido

Christian schrieb am 06.11.2009 00:11

Der Artikel hat mich neugierig gemacht. Wie sah das Training konkret aus? Welche Begegnungen hat es gegeben? Was war anders als der ohnehin angebotene soziale Dienst? Über weitere Details würd ich mich freuen.