Cookies akzeptieren
Wir verwenden Cookies für eine optimale Nutzererfahrung, Media Sharing und um Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr darüber erfahren

Tipps für heikle Situationen

Hier finden Sie viele Informationen und Antworten, wenn eine Angehörige oder ein Angehöriger von Ihnen einer kriminellen Handlung beschuldigt oder verurteilt wurde, wenn Sie gerade aus der Haft entlassen worden sind oder wenn Sie Opfer von Kriminalität geworden sind.

Online-Beratung

Sie können alle Ihre Fragen an die NEUSTART Online-Beratung stellen. Bitte erklären Sie kurz den Hintergrund Ihrer Frage und geben Sie den Wohnort und das Bundesland an. Es ist nicht notwendig, dass Sie Ihren Namen angeben – wir antworten auch gerne auf anonyme Anfragen.

Blog und Diskussion

Verständnis für rechtsextreme Jugendliche?

Jürgen Kaiser MBA - 28.4.2010 08:42

Rechtsorientiertes Denken ist in dem Milieu, in dem sich unsere Klientinnen und Klienten oftmals bewegen, durchaus üblich und anerkannt. Nicht nur dort: Die Präsenz rechter Positionen ist in der österreichischen Politik sehr ausgeprägt (wie wir fast täglich in den Medien sehen).

Aber: Rechts ist nicht gleich rechts. Die Bandbreite ist vielfältig; sie beginnt bei rechtsorientierten Jugendlichen, die häufig sozial massiv benachteiligt sind und somit am Rand der Gesellschaft stehen. Ihre rechte Gesinnung ist sehr oft eine Protesthaltung aufgrund dieser gefühlten und in den meisten Fällen auch realen sozialen und wirtschaftlichen Benachteiligung. Dann gibt es die Skinheads, die – im Gegensatz zum Ursprung der Skinhead-Bewegung im England der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts – sehr häufig überzeugte Rassisten und Nationalisten sind. Das Spektrum reicht weiter bis zu den Rechtsextremen, die mit der Neonazi-Szene sympathisieren und sehr oft auch durch gewalttätige Übergriffe auf Nicht-Österreicher und Minderheiten auffallen.

Die Motive, sich der rechten Szene anzuschließen, sind sehr unterschiedlich. Im Wesentlichen lassen sich jedoch drei Motivlagen erkennen (vgl. Birgit Rommelspacher, Der Hass hat uns geeint. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt, Campus, 2006). Zum einen handelt es sich um sogenannte Außenseiter, die in solchen Gruppierungen Kameradschaft finden; man fühlt sich einer Elite zugehörig, gehört aufgrund einer bestimmten Herkunft dazu, muss erst einmal nichts Besonderes leisten. Gemeinsam fühlt man sich stark.

Eine zweite Gruppe sind Menschen, die aus einem gewalttätigen Milieu kommen. Man hat gelernt, Konflikte mit körperlicher Gewalt auszutragen – und diese Gewalt wird dann durch die Ideologie auch noch gerechtfertigt. Man wird quasi zum Helden, zum Retter des Volkes.

Bei einer dritten Gruppe lässt sich als Motivlage Protest, aber auch politische Auseinandersetzung erkennen. Es handelt sich oft um Menschen, in deren Herkunftsfamilie rechtes Gedankengut vertreten wird, die oft sozial benachteiligt sind. In der Schule wird ihnen dann eine ganz andere Ideologie nähergebracht. Sie geraten in einen Konflikt und müssen dann mitunter die Familie und deren Ideologie verteidigen.

Der kleinste gemeinsame Nenner aller ist die Abgrenzung zu anderen Gruppierungen und damit einhergehend eine Selbsterhöhung: Wir sind die Besseren. Für uns Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist das oft sehr schwer auszuhalten. Absurderweise gibt es häufig Klienten mit Migrationshintergrund, die Politiker wählen, die einen (rechts)radikalen Ansatz in der Migrationsfrage vertreten. Sie haben Angst, dass ihnen das, was sie sich erarbeitet haben, weggenommen wird. Sie erhöhen sich dadurch, dass es einen noch Schwächeren gibt, vor dem man sich schützen muss: Sie sind ja quasi schon die, die dazugehören.

Was können wir in der Bewährungshilfe tun, um mit solchen Klienten effektiv zu arbeiten? Wie können wir Verhaltensänderung erreichen? Aus meiner Sicht ist es wichtig zu verstehen, warum jemand eine rechte Haltung an den Tag legt oder sich gar einer rechten Gruppierung anschließt; warum es für ihn so wichtig ist, zum Beispiel als Skin aufzufallen und in ständiger Spannung zu leben. Dafür ist es erforderlich, dem Klienten mit Interesse und Respekt zu begegnen; eine akzeptierende Betreuungsbeziehung herzustellen im Sinne von „ich akzeptiere vorerst einmal wie Du bist, woran Du glaubst, auch wenn ich das in keiner Weise gutheiße“. Zugegebenermaßen ist das eine sehr heikle und schwierige Haltung.

Klarerweise müssen deutlich Grenzen aufgezeigt werden, sobald Gewalt gegen andere im Spiel ist. Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfer bieten sich als Identifikationsfigur an. Sie erarbeiten mit den Klientinnen und Klienten andere Möglichkeiten des Umgangs mit Aggression und Gewalt, zeigen Alternativen in der Freizeitgestaltung auf und tragen damit auch zur Ich-Stärkung des Klienten bei. In der Gruppenarbeit bietet sich unter anderem die Möglichkeit, Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund kennenzulernen und somit einerseits die Empathie dem anderen gegenüber zu fördern und andererseits auch die Ängste vor dem jeweils anderen abzubauen. Und es ist wichtig, die Jugendlichen bei der beruflichen Integration zu unterstützen und somit auch wirtschaftlich abzusichern. Das Ganze ist anstrengend und zeitintensiv, aber es lohnt sich allemal, da sich bei jugendlichen Klientinnen und Klienten eine erhöhte Chance bietet, noch rechtzeitig korrigierend einzugreifen, bevor sich gewaltorientierte Verhaltensweisen verfestigen.

Wenn Jugendliche lernen, dass sie zur Konfliktbewältigung auch andere Formen als Gewalt in ihrem Repertoire haben, wenn ihr Selbstbewusstsein gestärkt ist und sie sich in andere besser einfühlen können und sie nicht zuletzt auch wirtschaftlich so gut wie möglich abgesichert sind fällt es ihnen unserer Erfahrung nach leichter, sich von ihrer rechten Haltung zu lösen, weil sie diese nicht mehr benötigen.

Jürgen Kaiser MBA ist Abteilungsleiter bei NEUSTART Wien 6

Zurück zur Übersicht

Zu diesem Beitrag gibt es |noch keinen Kommentar|

Ihre Meinung zählt

Wir freuen uns über Ihren Kommentar zu diesem Blogeintrag

Kommentare zu diesem Beitrag:

Kein Eintrag vorhanden. Schreiben Sie den ersten.