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Nicht gesund - na und?

Mag. (FH) Elke Drews - 2.6.2010 13:11

Hast Du Zahnweh, gehst Du zum Zahnarzt. Hat Dich die Grippe erwischt, ist der Hausarzt gleich in der Nähe. Klingt alles einfach und sollte es in einem sozial entwickelten Land wie Österreich auch sein. In Österreich besteht Versicherungspflicht, das heißt, dass jeder Arbeitnehmer seinen Beitrag zur Krankenversicherung leisten muss, ob er will oder nicht. Es gibt weiters diejenigen, welche ihren Unterhalt vom Arbeitsmarktservice beziehen – auch diese Menschen sind versichert.

Und doch gibt es laut einer Studie vom österreichischen Gesundheitsministerium 210.000 in Österreich lebende Personen über 15 Jahren, die nicht krankenversichert sind – Tendenz steigend. Obwohl das bereits mehr als drei Prozent der österreichischen Bevölkerung sind, gibt es eine noch höher geschätzte Dunkelziffer, da nicht versicherte Personen von den Krankenkassen nicht erfasst werden. Dieselbe Studie besagt, dass die Betroffenen geringes Einkommen und wenig Bildung haben – und sich vor allem in relativ schlechtem Gesundheitszustand befinden.

Wie aber ist es in unserem Land nun möglich, durch das soziale Netz zu fallen und nicht krankenversichert zu sein? Den größten Brocken machen Arbeitslose ohne Anspruch auf Leistung aus der Arbeitslosenversicherung aus, gefolgt von Asylwerbern ohne Bundesbetreuung. Nun arbeiten wir alle mit Menschen, die aus sozial schwächeren Schichten kommen und wissen, dass es trotz nicht bestehender Krankenversicherung für Sozialhilfeempfänger trotzdem die Möglichkeit gibt, auf Kosten des Staates zum Arzt zu gehen. Die Erfahrung lehrt uns auch, dass unsere Klienten diesen Weg oft nicht gehen. Unsere ehemalige Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky erklärte in ihrer Amtszeit, dass es ihr Ziel sei, für alle Österreicherinnen und Österreicher (unabhängig von Alter oder Einkommen) den Zugang zur bestmöglichen medizinischen Behandlung sicherzustellen. Dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht.

Was hält viele Menschen trotz der Möglichkeit, jederzeit einen Arzt konsultieren zu können, davon ab? „Hast Du mal eine Schmerztablette?“ höre ich oft im Arbeitsalltag von meinen Klienten. „Nein“, ist meine Antwort; aber auch im darauffolgenden Gespräch über Schmerzen und möglichen Arztbesuch wird nichts erreicht. Denn die Angst sitzt tief. Vor dem Unbekannten, dem Fremden und der grundsätzlichen Hemmung, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Da wird bewusst, dass unser medizinisches System eben doch eine Zweiklassengesellschaft ist. Vor Jahren habe ich eine Klientin zum Zahnarzt begleitet; nur so konnte ich sie dazu überreden, hinzugehen, nachdem sie wochenlang Schmerzen gelitten und diese mit Tabletten bekämpft hatte. Die günstigste Variante für Sozialhilfeempfänger in Salzburg (und vor allem die, wo man keinen Termin braucht) ist jene beim Zahnambulatorium der Gebietskrankenkasse. Die Wartezeit betrug über drei Stunden, die Ärztin war wenig einfühlsam. Diese Klientin verweigert seitdem jegliche Arztbesuche.

Vor kurzem startete AVOS, der Arbeitskreis für Vorsorgemedizin in Salzburg, das Projekt: „Gemeinsam Gesund. Integratives Gesundheitsförderungsprojekt für MigrantInnen und sozial Benachteiligte.“ Im Rahmen dieses Projekts werden bis Juni 2011 mehrere Kleinprojekte bei NEUSTART Salzburg stattfinden, die der Gesundheitsförderung der Klientinnen und Klienten von NEUSTART auf physischer und auch auf psychischer Ebene dienen sollen. Bisher gab es „Mei G´sundheitsinformation“, wo mit einer Ärztin im offenen Raum Fragen zum Thema Gesundheit besprochen wurden. Zwei Wochen darauf folgte: „Mei G´sundheitscheck“. Eine Ärztin, unterstützt von einer Krankenschwester, fand sich dazu in den Räumlichkeiten von NEUSTART ein; die Klienten konnten sich anmelden und dann einzeln zum Gesundheitscheck begeben. Begleitet und unterstützt wurden sie dabei von den Mitarbeitern von NEUSTART. Und natürlich alles ohne E-Card und Krankenschein.

Unsere Erwartungen zu diesem Projekt waren sehr unterschiedlich. Es galt folgende Fragen zu klären: Ist der Zugang zur ärztlichen Versorgung zu wenig niederschwellig? Ist die Verantwortung für den eigenen Körper durchs Umfeld anerzogen? Können solche Angebote den Umgang mit der eigenen Gesundheit verändern? Die erfreuliche Antwort unserer Klienten: Beide Veranstaltungen waren sehr gut besucht, beim Gesundheitscheck mussten einige sogar auf den nächsten Termin vertröstet werden. Das weniger erfreuliche am bisherigen Ergebnis ist jedoch, dass unseren Klienten aber trotz ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein im Alltag jener niederschwellige Zugang zum System fehlt.

Ein gutes Beispiel stellt hier das mobile „Team Neunerhausarzt“ in Wien dar. In zehn Wiener Obdachloseneinrichtungen gibt es regelmäßige Sprechstunden von mehreren Ärzten. Seit Sommer 2009 gibt es sogar eine eigene Zahnarztpraxis, die sich vorrangig um Obdachlose und sozial Schwache in Wien kümmert. Nur ein Beispiel von vielen. Das Betreuungszentrum „Gruft“ bietet zu zweimal wöchentlicher medizinischer Versorgung zusätzlich noch fünf Stunden pro Woche psychiatrische Unterstützung an. In unserer Bundeshauptstadt wurde wohl bereits erkannt, dass erst das Vertrauen zu den Ärzten wieder aufgebaut werden muss, ehe unsere Klienten den Weg dorthin finden.

Das AVOS Projekt in Salzburg zeigt, dass es auch für sozial benachteiligte Menschen eine Selbstverständlichkeit sein kann, die Verantwortung für den eigenen Körper zu übernehmen – solange man ihnen die Möglichkeit gibt, sich im Gesundheitssystem Österreich angenommen und gut aufgehoben zu fühlen…

Mag. (FH) Elke Drews ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART Salzburg

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Daniel Jordi schrieb am 22.02.2012 21:16

die initiative „team neunerhausarzt“ ist wirklich lobenswert, wenn man dabei auch das gesundheitssystem von anderen ländern in erwägung zieht.