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Blog und Diskussion

Sex & Drugs & Ottakringer* – Sucht und Subkultur

Mag. Michael Klingseis - 30.6.2010 08:32

(* Text eines Spruchbandes von Rapid-Fans am Innsbrucker Tivoli)

Der Begriff „Subkultur“ wurzelt in den Untersuchungen der „Chicago School“ der Soziologie aus den 1940er-Jahren und wurde hauptsächlich zur Beschreibung abweichender Werte und Normen ethnischer Minderheiten herangezogen. Im Umfeld der britischen Untersuchungen des „Center for Contemporary Cultural Studies“ wurde der Begriff auf die Jugendkulturen der 1960er- und 1970er-Jahre angewandt; heute ist er weitgehend verschwunden, am ehesten taucht er gelegentlich in Berichten über Drogenszenen auf.

Historisch betrachtet sind Substanzenkonsum und Subkulturen eng miteinander verwoben. In seinem empfehlenswerten Buch „sky high. Droge und Musik im 20. Jahrhundert“ beschreibt Harry Shapiro am Beispiel der USA das Geflecht aus Migration, Musik und Rauschmittelkonsum als subkulturelles Universum, dem das Establishment mittels zunehmend repressiver Gesetzgebung zu Leibe rückte. Dabei entlarvt er die prohibitive Drogenpolitik als ein Vehikel zur Bekämpfung unliebsamer Immigrantengruppen und zeigt gleichzeitig auf, wie hochgradig drogeninspiriert die heute etablierte Jazzmusik eines Charlie Parker oder Louis Armstrong war.

„Subkulturen“ sollten aber nicht auf künstlerische Ausdrucksformen – in Abgrenzung zur „Hochkultur“ – reduziert werden, sie stellen auch eigene Sinnsysteme dar, die reich an (Geheim-)Codes und Zeichen sind. Zudem etablieren sich – und hier sind Drogenszenen besonders illustrative Beispiele – in Subkulturen ökonomische Strukturen und Spielregeln abseits des wirtschaftlichen Mainstreams. Der von Bernd Werse herausgegebene Band „Drogenmärkte. Strukturen und Szenen des Kleinhandels“ gewährt interessante Einblicke in die unterschiedlichsten Formen und Mechanismen des sogenannten „Ameisenhandels“, allesamt weit vom Klischee des Drogendealers entfernt. Das Spektrum reicht vom „home-grown“ Cannabis, das unentgeltlich im Bekanntenkreis verteilt wird über vertrauensvolle Einkäufe beim Heroin-Stammdealer bis zum Kokainverkäufer im bürgerlichen Milieu, der mit seinen Kunden befreundet ist. „Gerade auf der Ebene des Kleinhandels erinnern diese spezifischen Wirtschaftsformen zu einem wesentlichen Teil aber auch an Geschäftsbeziehungen in vorkapitalistischen Kulturen“, resümiert der Herausgeber.

Drogensubkulturen der 1960er- und frühen 1970er-Jahre waren vom Odium der Rebellion und des Widerstands umgeben. Sie sahen den Konsum von Haschisch, LSD und Heroin auch als politischen Akt an, verstanden sich selber damit als „Gegenkultur“ zur Bier- und Stammtischgesellschaft ihrer Vätergeneration. Spätestens mit dem Boom elektronischer Musik Anfang der 1990er-Jahre und der starken Verbreitung der „Raving Society“ wurde dieses Verständnis durch ein deutlich anderes ersetzt: Die Techno-Jünger sträubten sich kaum dagegen, als Konsumgemeinschaft in der Konsumgesellschaft wahrgenommen zu werden.

Nie zuvor war eine Jugendsubkultur derart schnell vom Kommerz inhaliert worden; dem ersten Erschrecken über Trockeneisnebel, Stroboskop und Ecstasy folgte ein einträglicher Eroberungsfeldzug von Tabakkonzernen, Banken und Energy-Drink-Produzenten. Das Verblassen des Begriffs der „Subkultur“ im Drogenkontext basiert also auch auf gravierenden sozialen Veränderungen, zuweilen wird in der Fachliteratur von einer Ablöse (oder zumindest Erweiterung) des „Defizitparadigmas“ durch das „Genussparadigma“ als ätiologischem Fokus auf Rauschmittelkonsum gesprochen.

Andererseits lässt sich eine bewundernd-defensive Haltung der Drogensozialarbeit gegenüber den Erkenntnisfortschritten der Gehirnforschung und der Pharmakologie erkennen, die mit der teilweisen Aufgabe sozialwissenschaftlichen Vokabulars einhergeht. Mit fragwürdigem praktischem Nutzen für das eigene Arbeitsfeld klettern wir den Neurobiologen in die komplizierte Welt der Ganglien und Transmitterstoffe hinterher und zeigen uns beeindruckt von ihren neuesten Entdeckungen über die „Chemie des Seelenlebens“. Die Naturwissenschaftler stoßen mit ihren Erklärungsmodellen, Begrifflichkeiten und Publikationen weit in die Themenfelder der Sozialarbeit vor (zum Beispiel Leslie Iversen: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis.) und treiben damit eine weitere „Medizinalisierung“ des Blicks auf Drogenkonsumenten voran.

Als einen Beitrag zur Wiederherstellung einer adäquaten Balance haben wir die jährlich stattfindende „Tiroler Suchttagung“ heuer unter das Motto „Sucht und Subkultur“ gestellt (Termin: 10.11.2010, Haus der Begegnung, Innsbruck).

Zitierte Literatur (zu finden in der NEUSTART Bibliothek):

Shapiro, Harry: sky high. droge und musik im 20. jahrhundert. hannibal verlag 1995

Werse, Bernd (Hg.) Drogenmärkte. Strukturen und Szenen des Kleinhandels. Campus Verlag, Frankfurt a. Main, 2008

Iversen, Leslie: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis. Verlag Hans Huber, Bern 2009

Mag. Michael Klingseis ist Bewährungshelfer bei NEUSTART Tirol

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