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Blog und Diskussion

Große Chance für zweite Chance

Andreas Zembaty - 13.11.2012 11:21

Am Anfang standen Provokationen. Es folgten böse Worte. Dann ein Schlag ins Gesicht. Die Strafe folgt: Ausschluss der Kontrahenten und Ächtung der Gewalt. Die Häme des Boulevards, dass sich all das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ereignet, folgt auf den Fuß, selbstgerecht wie immer in solchen Fällen. Die Polemik schafft Quote und verstärkt noch die Polarisierung der „Fans“ der Konfliktparteien. So weit, so gewöhnlich.


Dann die Überraschung: Die „strafende Instanz“ setzt auf das Gespräch der Kontrahenten. Nach dem Gespräch formulieren Täter und Opfer – wer welche Rolle innehat ist auch hier nur für Zehntelsekunden juristisch sauber zu definieren – Reflexion und Selbstkritik. Man distanziert sich mit „Sorge“ von der entfachten Gehässigkeit der Fans in den sozialen Netzwerken. Die zuvor „strafende Instanz“ setzt nun auf die zweite Chance. Die Konfliktparteien kehren auf die öffentliche Bühne zurück und nutzen sie für die Klarstellung, dass dem verbalen Konflikt niemals Gewalt folgen darf.


Diese Form der öffentlichen Konfliktbewältigung tangiert auch die herkömmliche Form des Umgangs mit eskalierten Konflikten: mit Kriminalität. Der Tat folgt die Täter-/Opferzuschreibung. Die Strafe soll Sühne, wenn nicht sogar Rache beinhalten. Das Alles soll uns abschrecken davor, so wie der Täter zu handeln. „Soll“ – nur leider funktioniert dieser tief sitzende Glaube an „Gerechtigkeit“ nicht. Die Abschreckung des Täters durch das als „staatliche“ Gewalt erlebte Strafurteil schafft ihm nur neue Probleme in seinem ohnehin von psychosozialen Krisen gekennzeichneten Alltag. Und die Abschreckung funktioniert, wissenschaftlich nachgewiesen, nicht. Jedenfalls wird die Wirkung dramatisch überschätzt.


Man bleibt nicht unbescholten, weil man Angst vor Strafe hat, sondern weil man Handlungsalternativen und funktionierende familiäre und soziale Netze um sich hat. Jährlich beweisen rund 6.800 erfolgreiche Konfliktregelungen, dass zumindest für 16.387 Täter und Opfer das Gespräch am runden Tisch Sinn macht und eine Alternative zu herkömmlichen Strafmechanismen darstellt. Warum? Weil die Einsicht des Täters in das Unrecht seiner Tat, seine Entschuldigung und die Schadenswiedergutmachung Brücken der Verständigung bauen, die Bestand haben: 85 Prozent werden nicht rückfällig, beim herkömmlichen Strafprozess 59 Prozent (am Beispiel Körperverletzung).


Der Wert des eingangs beschriebenen öffentlich Umgangs mit einem Alltagskonflikt liegt auch in seiner präventiven Wirkung: Der Ächtung der Gewalt folgt nicht automatisch die Ächtung des Täters. Vielmehr ein Denkanstoß für uns alle: Der Dialog der Betroffenen, die öffentliche Distanzierung vom falschen Verhalten und das damit verbundene Aufzeigen von Handlungsalternativen sind wesentlich konstruktiver als die öffentliche Aburteilung. Sie wirken, vorgelebt durch „Stars“ auch identitätsstiftend für die „Fans“, da das Image des „Rüpelrappers“ als medial inszeniertes Klischee entlarvt wird, wie das, dass der Täter immer Täter bleiben muss. Dieses öffentlich erlebte Beispiel einer Konfliktlösung zeigt, dass es auch anders geht und dass Strafe wirklich nur dort Sinn macht, wo ein begründeter Verdacht besteht, dass vom Täter weiter Gefahr ausgeht. Ansonsten schaffen Konfliktregelung und Schadenswiedergutmachung nachhaltigere individuelle und gesellschaftliche Lösungen.


Andreas Zembaty ist Pressesprecher von NEUSTART


Dieser Blog erschien am 13.11.2012 in leicht gekürzter Form auch in der Tageszeitung „Die Presse“ als Gastkommentar auf Seite 34.

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