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Blog und Diskussion

I’ m free – Auszug aus einem (Wamser-)Tagebuch

Manfred K. - 1.12.2010 11:56

Dann war „er“ da, der Tag der Entlassung. Ein letztes Wecken war unnötig. Ich war, ob des Erwartungsschlafentzuges, wach. Eine letzte Frühstücksverweigerung – Kaffee weiß, 300g Schwarzbrot – im Bewusstsein, dass der erste Espresso „draußen“ wartet. Körperpflege inklusive des „jetzt hast Du es geschafft“-Spiegelblicks. Bettwäsche abziehen (muss ja zurückgegeben werden). Warten auf die „letzte Beamtenabholung“, Spüren einer Wartezeitdehnung, dann Abholung, Rückgabe des Anstaltseigentums (Geschirr, Bettzeug, Geschirr- und Handtücher), Übernahme von Privatkleidung sowie Behältnis (Koffer) und ab zum Aus-Checkpoint, „liebevoll“ Rezeption genannt. Dort angelangt wird man, bis man an der Reihe ist, noch ein letztes Mal „weggesperrt“. „Ein Schlüsselerlebnis als Erinnerung muss wohl jeder Häftling noch verspüren“ dürfte da der Beamtenphilosophie zugrunde liegen. Fast hätt’ ich’ s vergessen: Auch hier ging es nicht ohne Wartezeit ab. Wahrscheinlich damit man sich auf den zu erwartenden Freiheitsschock optimal vorbereiten kann. Dann ging’s schnell – Übernahme der „Rücklage“ (im Knast für den Neustart verdientes Bargeld), des Handys, der Schlüssel, des Ausweises, des Schmucks sowie der Entlassungspapiere. Vier Türen noch und die Freiheit ist da! Hurra! Mit dem Schwur „ist die Zukunft noch so grau, ich geh nimmer in den Bau“ selbige beschritten...

Kaum öffnet sich das Tor in die Freiheit, will man „I’m free!“ rausbrüllen und gar singen, wenn da nicht die Angst wäre, als „Ex-Knacki“ erkannt zu werden. Ja, man ist frei, doch diese „Freiheit“ unterliegt etlichen Zwängen, die sehr einengen. Alles, was in der Haft „fremd“ erledigt wurde, wird nun zum „selbst“-Gestaltungsauftrag. Gemeint ist da das „richtige“ Haushalten. Einst war es Mutti, dann die Lebenspartnerin, die dem Haus „Halt“ gab; nun aber, wo der Umstände wegen (Haft, Trennung und andere Pleiten) ein Neustart gemacht werden muss, werden die Lebenskarten neu gemischt. Niemand wird behaupten, dass man ein „gutes Blatt“ in Händen halten wird. Um überhaupt mitspielen zu können, sollten die neuen Spielregeln a) erkannt,  b) erlernt sowie c) ins Spiel gebracht werden. Einen Großteil dieser Spielregeln gibt ja der Gesetzgeber vor – jedoch: Was bei den vielen Neustart-Überlegungen oft zu kurz kommt, sind die Kleinigkeiten, die den „neuen Alltag“ schwer machen können.

Es sollte – nein – müsste in den letzten Haftmonaten ein Haushaltskurs für zukünftige Abgänger abgehalten werden. Richtiges Einkaufen, Waschen, Kochen, Bügeln, Nähen et cetera – eben das richtige „Haushalten“ müsste so manchem erst beigebracht werden; vor allem jenen, denen vor der Haft das Haushalt führen mehr als nur „fremd“ war. Unterrichtsunterlagen gäbe es ja aus der schulischen Hauswirtschaftslehre. Und beim Wachpersonal gibt es sicher eine Kraft, die das vermitteln kann. Bedenkt – ein Scheitern beim „Haushalts-Neustart“ käme einem Fehlstart gleich und würde (na klar!) wieder dort enden, wo man gerade hergekommen ist. Schwierig wird es, einem „Macho“ beizubringen, dass der „Herr des Hauses“ selbiges auch bewirtschaften muss und ein Bügeleisen in seinen Händen seinen Status kaum schänden wird. Man muss als Motivation stets den Reiz der Unabhängigkeit betonen. Diese Unabhängigkeit wird als „Fernziel“ anzupeilen sein...

Wünschenswert wären erstens eine Neustart-Fibel, zweitens ein Haushaltskunde-Seminar-Angebot vor der Haftentlassung, drittens eine Auflistung von möglichen Rückfallgefahren und viertens eine Anerkennungsmöglichkeit der „guten Neustartschritte“ (Lob und Anerkennung machen Mut...). Und fünftens sind erreichbare Lebensziele (keine Utopien) ganz wichtig.

Manfred K. (Name geändert) ist 52 Jahre alt und nach seiner Entlassung aus sechsmonatiger Haft seit einem Jahr Klient der Bewährungshilfe Steiermark

Nächste Woche im NEUSTART weblog: Rainer Schafhuber, Bewährungshelfer von Herrn K., über den fachlich-methodischen Hintergrund von äußerer und innerer Ordnung

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Zu diesem Beitrag gibt es |6 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Christian L. schrieb am 10.12.2010 22:12

Bin beeindruckt von Ihren Wortkreationen und Ausführungen und dem wie Sie dem alltäglichen Ding Haushalt eine für mich neue Bedeutung geben. Ihren Spruch "sei dein eigener Wärter" hab ich heut schon zitiert, weil er mir so gefällt. Danke. Wünsch viel Halt in ihrem Haus

Christian schrieb am 06.12.2010 22:34

Also Herr K.,
mittlerweile kreist Ihr Einblick auch schon hier durch Deutschland. Zurecht.
Danke für die Erinnerung an die einfachsten Dinge, die vor lauter rechtsstaatlerei irgendwie verloren zu gangen scheinen.
Sie haben mir ein Auge geöffnet. Ich war da blind. Danke dafür. Es wäre schön, wenn wir wieder von Ihnen lesen könnten. Es ist ein Gewinn.
Herzlich -
Christian

Zeilinger schrieb am 02.12.2010 18:15

Das nicht Selbstverständliche an geleisteten Neustart-Schritten zu sehen und anzuerkennen, halte ich für eine der wesentlichen Funktionen von Bewährungshilfe.
Wenn Sie sich schon ein Jahr nach der Haft gut gehalten haben, dann sind Ihnen sicher schon eine Reihe von Schritten gelungen!
Jedenfalls sind ihre Sprachbeherrschung und ihr Witz beeindruckend.
Bin schon gespannt,w ie ihr Bewährungshelfer Ihre Entwicklung beschreiben wird.
Danke für den offenen Einblick in Ihr Inneres!

Rainer Schafhuber schrieb am 02.12.2010 12:59

Um die Anonymität von Herrn K. aufrecht zu erhalten stelle ich seine Antwort ins Netz:
"Mann was hab ich mich gefreut (über den wohlwollenden Beitrag von Fr.
Alexander Kleibenzettel) mit diesem Zuspruch geht's (trotz
Bla-bla-Verdacht) natürlich mehr als nur bergauf...
Jedoch diese 'Streicheleinheiten' hab ich mit meiner Anerkennungsforderung
nicht gemeint. Meine, dass wir aus diesem 'Bedürfnisalter', ob unserer
Vergangenheit (Tatvorwurf-Urteil-Haft), heraus wären. Ich meinte 'wahre'
Anerkennung von Leistungen die nachweislich erbracht wurden!!! Nur die
zählen'! Aber: Jede Reaktion zählt! Daher 'zähle' ich auf weitere...
mailgruss"

Rainer Schafhuber schrieb am 02.12.2010 12:25

ZUR ERKLÄRUNG DES BEGRIFFS WAMSER. HR. K. SCHREIBT REGELMÄSSIG ARTIKEL DIE DER WAMSER HEISSEN!
"Der Wamser 1
Das Leben im Knast, das ist ‚Beschissen’,
ich war da, ich muss dies Wissen!
Doch dieses Wissen, darüber bin ich mir im Klaren,
sollte jeder Mensch sich tunlichst glatt ersparen!!
D’rum gib ACHT, sei Dein eigener Aufpasser, sprich Wärter,
denn sonst wird’s hart oder gar noch härter.
Es wusste der dereinst schon jeder Ritter –
‚Wahre’ FREIHEIT kennt keine GITTER!!
Der Wamser, in der österreichischen Knastsprache, also ich
wär’ so einer, ist jener Typ, der sein Wissen nicht für sich
behält und dies gar noch Anderen kund tut. Mit den Anderen
sind natürlich Nichthäftlinge gemeint. Im Knast wären dies
die Wärter/Richter/Staats- sowie Rechtsanwälte, also immer
die Gegenseite. Selbst die Einleitungsreime erfüllten
den Tatbestand eines ‚Wamsens’. Da ich aber schon ‚Ge-
wamst’ habe, kann ich dies auch weiter tun."

Alexandra Kleibenzettel schrieb am 01.12.2010 12:21

Sehr geehrter Hr. manfred K!
Auf ihrem Weg alles Gute--Schritt für Schritt--Und wenn ihnen das Gefühl kommt es geht Rückwärts--und das Gefühl kommt garantiert----Bedenken Sie, wie viele Schritte Sie schon gegangen sind, somit noch immer ein gutes Stück weiter als am Anfang!

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