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Blog und Diskussion

Nach der Haft: inneren und äußeren Haushalt ordnen

Rainer Schafhuber - 7.12.2010 09:34



Ich habe mit Herrn K. bei unseren Beratungsterminen oft über den Neustart gesprochen, bis Herr K. auf die Idee kam, darüber eine Geschichte zu schreiben. Welche Gedanken sind denn Ihnen beim Lesen seines Weblogs durch den Kopf gegangen? Ist es nicht so, dass Wäsche zu waschen und sie nachher zu bügeln zentriert? – pure Meditation! Der gute Geruch, das Aufhängen, die Bewegung beim Bügeln und das Zusammenlegen ordnen auch unser Inneres. Wenn ich in meinem Leben gerade Saustall habe, räume ich die Wohnung auf, um Überblick zu bekommen. Interessanterweise geht es mir dann gleich ein bisschen besser. Kommt Ihnen das bekannt vor? „Natürlich“, werden Sie jetzt möglicherweise sagen „das ist schön und gut, aber hält das irgendjemanden von Straftaten ab?“

Wie Herr K. so treffend vermittelt: Alles, was in der Haft „fremd“ erledigt wird, wird außerhalb des Gefängnisses zum „selbst-Gestaltungsauftrag“. Wolfgang Gratz, langjähriger Leiter der Strafvollzugsakademie, schreibt in seinem Vortrag „Was sich von der Hirnforschung für den Strafvollzug lernen lässt: Verwahrvollzug schadet dem Gehirn (Neuer Wissenschaftlicher Verlag, 2007)“: „Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Verwahrvollzug bedeutet Missachtung grundlegender menschlicher Bedürfnisse. Die Beziehungen zwischen Personal und Insassen wie unter den Insassen sind in hohem Maß von Misstrauen, Distanz und negativen Stereotypen gekennzeichnet. Negative, aggressive Gefühle zu zeigen ist bei weitem unverfänglicher, als Nähe und Zuneigung auszudrücken. Das Zeigen von Schwäche und persönlichen Nöten ist verpönt. Verwahrvollzug wirkt somit generell demotivierend.“

NEUSTART arbeitet am Übergang vom drinnen nach draußen. Ich leite zusammen mit einem Justizwachebeamten aus der Karlau seit Jahren eine Entlassungsgruppe. Was glauben Sie, sind die am häufigsten genannten Sorgen der Teilnehmer? Es sind: „Gibt es Familie, Freunde, die da sind und auch nach der Entlassung da sein werden? Werde ich eine Chance bekommen? Werde ich akzeptiert werden?“ Ich führe an dieser Stelle das Konzept der Salutogenese an, also der Entstehung von Gesundheit nach Antonovsky. Wesentlicher Faktor des Gesundseins ist der Kohärenz-Sinn. Dieser beschreibt eine globale Orientierung, die das Ausmaß ausdrückt, in dem jemand ein durchdringendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat; dass erstens die Anforderungen aus der internalen und externalen Umwelt im Verlauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind, und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass „die Anforderungen Herausforderungen sind, die Investitionen und Engagement verdienen" (Aaron Antonovsky, 1993). Der Kohärenz-Sinn setzt sich aus drei Komponenten zusammen: „comprehensibility" – Verstehbarkeit; „manageability" – Handhabbarkeit; „meaningfulness" – Sinnhaftigkeit.

Meine Aufgabe – und die eines jeden, der mit Menschen arbeitet – ist es, Unterstützung zu geben, um das Geschehene (die Tat, oder was um einen herum passiert) verstehen und einordnen zu können. Dann erst ist es möglich, den eigenen Alltag zu bewältigen und seinem Leben (wieder) einen Sinn zu geben. Das, was wir in der Entlassungsgruppe und was ich in meinen Beratungen mache, ist, das Fundament, auf dem der Einzelne steht, vorurteilsfrei, wertschätzend und durchaus konfrontativ zu erkunden. Durch dieses Interesse kann es möglich werden, im „inneren Haushalt“ selbst in die verschiedenen Stockwerke zu gehen und in den Zimmern in die Kästen und Schränke zu schauen, zu entstauben, auszumisten und sich einen Handwerker zu holen, um ernsthafte Schäden ausbessern zu lassen. Das alles braucht natürlich Zeit und Menschen, die daran wachsen, „Haushaltshilfe“ im oben beschriebenen Sinn zur Verfügung zu stellen. Unter der von Gehirnforschern vorgeschlagenen Idee: „Stellen Sie sich jeden Tag sechs unglaubliche Dinge vor“ freue ich mich, wenn sie weiteren Diskussionsbedarf zu diesem Artikel haben und mir beziehungsweise Herrn K. schreiben. Ich empfehle Ihnen, den Artikel von Herrn K. mit dem jetzigen Wissenstand nochmals zu lesen.

Rainer Schafhuber ist Bewährungshelfer und Gruppentrainer bei NEUSTART Steiermark

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Zu diesem Beitrag gibt es |2 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Tropfen schrieb am 20.12.2010 14:39

beeindruckend, diese konstruktive haltung in einem sehr kranken system.
die konstruktiven vorschläge von herrn k. sollten wir sehr ernst nehmen, basisbildung in haushaltsführung, in umgang mit sich und anderen, ein training, dass in stationär (in haft) beginnt zur stabiliesierung zum beziehungsaufbau und das draußen (ambulant) weitergeführt wird. die konzepte und auch die leute die das machen könnten sind da. aber momentan geht in der justz offenbar alles in richtung verwahrung rationalisierung kennzahlen und qm. es haben die konservativen kräfte in der justiz die oberhand sitzen am drücker, schön dass es leute wie den schafhuber gibt, die machen mir mut.zu den 6 unglaublichen sachen: unglaublich wäre doch wenn sich die ministerin mal von einem bewährungshelfer beraten lassen würde...so einem wie dem schafhuber das wär doch was.

Alexandra Kleibenzettel schrieb am 09.12.2010 10:52

Ich finde den Artikel gut geschrieben und die bildhafte Sprache (Haus-schauen-gemeinsam durch die Stockwerke zu streifen, den Staub abblasen..)sehr gelungen. Wunderbares Beispiel dafür wie wichtig die Sprache ist und umso bildhafter und symbolhafter (bezogen auf die Geschichte des Klienten) wir in unserern Beratungen vorgehen, umso größer ist die Chance Anker zu setzen, die es dem Klienten ermöglichen einen Zugang zu seinen eigenen Ressourcen herzustellen.
Fundamente wertschätzend und konfrontatitiv zu durchleuchten finde ich ebenso sinnbringend--ob wir dies vorurteilsfrei machen, stelle ich eindeutig in Frage--Zumindest ich mache es nicht vorurteilsfrei--ich versuche meine Vorurteile zu benennen und gebe mir und dem Klienten die Chance diese als Werkzueg zu benutzen um miteinander in ein Arbeiten zu kommen.
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