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Anti-Gewalt-Training: Ich entscheide

Mag. Martina Spitzer - 20.4.2011 08:09

Daniel sitzt mit seinem Freund an der Salzach, um den Tag mit einigen Bieren zu beenden. Eigentlich ein gemütlicher Abend. Im Nachhinein weiß keiner mehr, wer eigentlich die Idee hatte. Die Idee, einem Fremden die Geldbörse wegzunehmen, wenn notwendig mit Gewalt. Um Macht auszuüben, um den Kitzel zu spüren, um sich mutig zu fühlen oder für ein weiteres Bier? – Am nächsten Morgen, getrennt voneinander in der Justizanstalt, wissen sie nicht mehr, warum; und sie fragen sich: „Wie konnte das nur passieren?“

Die Anklage lautet auf schweren bewaffneten Raub. Bewaffnet deshalb, weil die beiden noch eine Flasche in der Hand hatten, ihr Opfer damit bedrohten und damit zuschlugen. Für die Eltern von Daniel ist das unfassbar. Idee und Schuld werden dem Freund zugeschrieben, denn „unserem Sohn würde so etwas nie passieren“. Für die Gesellschaft sind es zwei Jugendliche, die keine Vorstellung von Werten und Moral haben. Für das Gericht ist es eine schwierige Entscheidung. Einerseits sind die beiden jungen Männer für ihre Tat zu bestrafen und anderseits sollen sie eine Chance haben, daraus zu lernen. Eine Unterstützung, um diesen Lernprozess anzuregen, stellt das Anti-Gewalt-Training dar.

Bei uns im Anti-Gewalt-Training geht es darum, dass die zwei Jugendlichen an sich arbeiten müssen; sie müssen für ihr Tun die Verantwortung tragen und verstehen, dass ihnen das nicht passiert ist, sondern dass sie sich dafür entschieden haben. Vielleicht haben sie sich nicht bewusst und mit Absicht für einen bewaffneten Raub entschieden; jedenfalls aber dafür, einige Biere zuviel zu trinken und damit auch dafür, nicht mehr fähig zu sein, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Erst wenn Daniel klar ist, dass er sich dafür entschieden hat, kann er sich auch dagegen entscheiden.

Das Anti-Gewalt-Training bei NEUSTART ist eine Möglichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen beziehungsweise sich selbst besser kennenzulernen. Zu wissen, wer man ist und woher man kommt, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu kennen, macht den Umgang mit dem Gegenüber einfacher und respektvoller. Erst dann werden die jungen Männer mit ihrem Delikt konfrontiert. Ihr Tun an dem Tag der Tat wird in der Gruppe besprochen oder in einem Rollenspiel gespielt. Der Kommentar jedes einzelnen Gruppenteilnehmers wird ernst genommen. Es geht nicht darum, den Betroffenen zu verurteilen oder gar zu demütigen. Es geht vielmehr darum, Lösungswege zu finden, um eine andere Entscheidung treffen zu können. Je größer und vielfältiger der Handlungsspielraum ist, umso leichter fällt es, „nein“ zu sagen.

Wir Trainer leiten die Gruppe an – aber letztendlich sind die Ergebnisse, die in der Gruppe entstanden sind, für die Betroffenen die wertvollsten. Die Gruppe der „Experten“ besteht aus 14 individuellen Persönlichkeiten, die einen großen Pool an Erfahrungen und Ideen mitbringen.

Die Voraussetzungen zum Gelingen eines Anti-Gewalt-Trainings sind Gewaltfreiheit, Nüchternheit, Verschwiegenheit, Zuverlässigkeit und aktive Mitarbeit. Wie sich die Gruppe entwickelt hängt von jedem einzelnen Teilnehmer ab und wie sehr sich der Einzelne darauf einlassen will, Neues und Kreatives auszuprobieren.

Mag. Martina Spitzer ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART Salzburg

Koautorin Ursula Brandauer ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART Salzburg

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Rainer Schafhuber schrieb am 20.04.2011 12:39

liebe martina, liebe ursula! vielen dank für den artikel.
da will ich meine erfahrung dazu tun
"achte den täter, ächte die tat" konsequent ressourcen- lösungsorientiert betrachtet heißt, ein Klima zu schaffen in dem es möglich wird eigene gewalttätige Impulse - und die daraus entstehenden und entstandenen Handlungen - in sich selbst zu akzeptieren (das gilt jetzt für alle,gell) um daraus (Verantwortungsübernahme!!!) etwas Neues zu machen. Diese erfahrung machen eine vielzahl der TN das erste mal. es wird bei der polizei, vorm gericht, beim sozialarbeiter, vor freunden, eltern etc. übers delikt gesprochen aber immer mit einem ganz bestimmten fokus = entweder is bös oder gut, je nach dem! Unser Job ist es, einen raum (= atmosphäre) zu schaffen. in dem die TN die erfahrung machen können, erst mal so sein zu können wie sie sind...
rainer schafhuber agt trainer wien