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Blog und Diskussion

Osttirol: Tatausgleich auf dem Land

Pia Bernal - 18.5.2011 09:47

Lienz liegt 186 Bahnkilometer von Innsbruck entfernt. Gefühlt und „erfahren“ aber ist diese Distanz zwischen meinen beiden Arbeitsplätzen doch etwas weiter als die dreieinhalb Stunden Fahrzeit, die der Zug über den Brenner und das Pustertal benötigt. Sozialarbeit im ländlichen Raum wird professionell ausgeübt (um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen), folgt aber auch eigenen, eben diesen „ländlichen“ und ungeschriebenen Gesetzen. Sie begegnen einem in der täglichen Arbeit mit den Klienten auf Schritt und Tritt. Das Pendeln zwischen den zwei Welten ermöglicht einen unmittelbaren Vergleich zur Arbeit im städtischen Raum.

„Der Bürgermeister wäre auch mitgekommen, aber er hat heute unmöglich Zeit. Er möchte Sie bitten, ihn anzurufen, weil er mit Ihnen ein paar Worte reden möchte, wegen dem Frieden“ stand in penibler, akkurater Handschrift (der Mutter) auf dem Zettel, den mir ein Beschuldigter gleich bei der Begrüßung beim Erstgespräch in die Hand drückte. Von einem Bergbauernhof in 1.400 Meter Seehöhe kommend, musste die Schwester des Beschuldigten mit wintertauglichem PKW organisiert werden, um mir dann zu Dritt (auch der Vater musste mitkommen) ihre Version des Nachbarschaftskonfliktes zu erzählen. Der Bürgermeister, den ich tatsächlich telefonisch kontaktierte, war sehr bemüht, in diesem schon länger schwelenden Konflikt die Position des „Dritten“, einzunehmen und mir die Interessen beider Nachbarn möglichst objektiv zu schildern. Es war ihm ein großes Anliegen, eine nachhaltige Lösung zu finden und er bot sich an, nach Abschluss des Tatausgleichs bei vermeintlichen Grenzüberschreitungen zwischen den Nachbarn als Ansprechperson zur Verfügung zu stehen und seinen runden Tisch in der Gemeindestube zur Verfügung zu stellen. Sein Engagement führte zu einer ersten Entspannung vor Ort und trug dazu bei, dem Gericht eine differenzierte Begründung dafür zu liefern, dass die letztlich notwendige Änderung der Konfliktregelung in eine diversionelle Bewährungshilfe möglich wurde.

Dörfliche beziehungsweise regionale Netzwerke können für Konfliktlösungen im Tatausgleich genutzt werden und eine hilfreiche Ergänzung darstellen. Mit dem Wissen über diese Möglichkeiten und einem großen Respekt vor den gewachsenen Strukturen, aber auch Neugierde, habe ich meine Tätigkeit in Lienz aufgenommen und inzwischen auch meine Erfahrungen machen können. Und es funktioniert so, wie  es in vielen Fallbesprechungen geschildert wurde – mit dem Beamten der Agrarbehörde, der zur Versachlichung eines Streits unter Bauern beigezogen wird, mit dem Pfarrer, der als dörfliche Autorität auf Wunsch der Beteiligten kontaktiert wird, mit dem engagierten Bürgermeister, der froh ist, dass ein Streit zwischen Mitbürgern nicht vor dem Kadi landet.

Mit meinen sprachlichen Bildern von der „stillen Mess’ “, die einer Konfliktregelung im Tatausgleich gleichkommt, und dem „Hochamt“, das bei einem Zivilprozess zelebriert wird, können Klienten aus dem noch recht katholisch geprägten ländlichen Raum etwas anfangen. Das Mitdenken dieser Strukturen hilft auf der Suche nach mitunter kreativen Lösungen. Ein hoher kirchlicher Würdenträger meldete sich etwa telefonisch bei mir, weil ihn eine Klientin darum bat, sich über den rechtlichen Stand des Verfahrens zu informieren und seine Möglichkeiten einer Konfliktschlichtung einschätzen zu können. Der Tatausgleich zwischen zwei älteren Frauen (sie waren laut Anzeige gegenseitig handgreiflich geworden) war trotz allen Bemühens gescheitert. Die Anregung, den Pfarrer oder eine Autorität aus der Pfarre um eine Vermittlung im Konflikt zu ersuchen und  verhärtete Fronten aufzuweichen und einen kostspieligen Prozess vermeiden zu können, ist aufgegriffen worden.

Diese Bereitschaft, sich einzumischen und Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, ist im städtischen Raum so nicht wahrnehmbar und ungewohnt. Vielleicht ein Hausmeister, der sich in der Wohnanlage um ein friedliches Zusammenleben kümmert; nur zu oft ist er aber selbst Anlass oder Auslöser für Auseinandersetzungen, die dann zur Anzeige bei der Polizei führen. Ich möchte hier nicht einer ländlichen Idylle das Wort reden – die Abgründe dörflichen Zusammenlebens werden als Brennpunkte in den Konflikten deutlich sichtbar – aber manche Strukturen im gesellschaftlichen Zusammenleben sind noch vorhanden und werden von den Beteiligten auch selbst aktiviert. Vorhandene Netzwerke zu erfragen, sie respektvoll in Abstimmung mit den Klienten, unserer Zielsetzung und unserem Auftrag zu nutzen, empfinde ich als spannende Herausforderung und Ergänzung zum Arbeitsfeld im städtischen Raum.

Pia Bernal ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART Tirol

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Zu diesem Beitrag gibt es |2 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Michael Pech schrieb am 18.05.2011 15:54

Liebe Kollegin aus Tirol! Auch ich ein Wiener, aber mit einem Faibel für den ländlichen Bereich bedanke mich herzlich für den interessanten und erfreulichen Beitrag. Und erinnere mich dabei gerne an Deine Vorgängerin Margret aus Lienz, die ich vor Jahren bei einer Fortbildung in Spital am Pyhrn bei einer Bergwanderung kennenlernen durfte, und die mir viel aus Ihrer Arbeit in Osttirol erzählt hat. Besonders begeistert hat mich ihr Bericht von Hausbesuchen am Bergbauernhof per Materialseilbahn. Das hat noch was von Abenteuer! In Wien ist es halt die weit weniger spannende U-Bahn.

Johanna Ciupek schrieb am 18.05.2011 14:00

Ich finde diesen artikel - als durch und durch Wienerin- ausgesprochen spannend und informativ. Unsere Nivellierungstendenzen im Verein werden dadurch sicher nicht gebremst, aber für uns Basiswerker ist es wichtig, unsere unterscvhiedlichen und professionellen Arbeitsformen auch gegenseitig zu würdigen.

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