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Blog und Diskussion

Ortstafelstreit: Volksgruppenzugehörigkeit und Straffälligkeit

Helena Breitfuss-Valesko - 1.6.2011 11:20

Ende April 2011 hat ganz Österreich den Jubelruf aus Kärnten wahrgenommen, dass betreffend des jahrzehntelangen Ortstafelstreits eine politische Einigung gelungen ist. Man spricht von einer Einigung, obwohl es sich um ein in der Verfassung verankertes Recht der slowenischen Volksgruppe handelt, das nach diversen (teilweise auch illegalen) Verhinderungsaktionen nun doch vollzogen wird - oder durch die umstrittene Volksbefragung doch noch verhindert wird. Wirft ein Klient von NEUSTART einige Schneestangen um, muss er sich wegen Sachbeschädigung öffentlichen Gutes beim Landesgericht verantworten. Wird in Kärnten eine zweisprachige Ortstafel versetzt, geschieht das unter öffentlichem Beifall und medialer Aufmerksamkeit.

Ich habe als Angehörige der slowenischen Volksgruppe mit meinen vielfältigen Erfahrungen im familiären, kulturellen und politischen Kontext in diesen letzten Wochen von einer Lösung geträumt, die Großzügigkeit gegenüber der slowenischen Volksgruppe beweisen würde, indem zum Beispiel im gesamten Gebiet, wo die slowenische Volksgruppe angesiedelt ist, zweisprachige Ortstafeln aufgestellt würden - als Geste im Dienste der Völkerverständigung, als Identitätsmerkmal von Südkärnten mit seiner kulturellen Vielfalt. Wem würde diese Großzügigkeit schaden? Großzügigkeit birgt an und für sich zwar die Gefahr in sich, dass sie missbraucht wird; das kann in diesem Fall wohl ausgeschlossen werden, denn Sprachwissenschaftler haben zum Beispiel bisher nur auf Vorteile einer zweisprachigen Erziehung hingewiesen.

Ich bin seit 26 Jahren als Bewährungshelferin im zweisprachigen Gebiet im Bezirk Völkermarkt - im sogenannten Jauntal (Podjuna) - tätig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Straffälligkeit in Familien, die ihre Identität als Angehörige der slowenischen Volksgruppe bewahrt haben, nur sehr selten vorkommt. Und ich kann es mir nur so erklären, dass die Verwurzelung, die Vermittlung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt, die Integration und das Engagement in den Kulturvereinen, in denen die Sprache auch gelebt und bewahrt wird einen wesentlichen Faktor darstellt, der für die heranwachsenden Jugendlichen so stärkend ist, dass sie anderen negativen Einflüssen standhalten können. Sie haben auch bereits früh gelernt, mit Ausgrenzungen umzugehen und dagegen anzukämpfen. Unsere Klienten leben eher in assimilierten Familien, wo die Eltern beziehungsweise Großeltern aus verschiedenen - in diesem politischen Klima, wo die slowenische Sprache abgewertet wid auch nachvollziehbaren - Gründen die Zweisprachigkeit nicht weitergegeben haben. Selbst kommunizieren sie noch im privaten Raum in slowenischer Sprache, die Jugendlichen verstehen jedoch nur wenig. Es hat betreuerisch einen besonderen Wert und ist auch eine wirkungsvolle Intervention, wenn ich in der Betreuung zweisprachig tätig bin.

So kann ich aus beruflicher und persönlicher Erfahrung überzeugt meinen, dass eine großzügige Behandlung der slowenischen Volksgruppe einen wesentlichen Resilienzfaktor (Schutzfaktor für die Bewältigung von Lebensbelastungen) für die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen darstellt. Großzügigkeit könnte auch bewirken, dass die Leute sich wieder in aller Selbstverständlichkeit trauen würden, einander im öffentlichen Raum (sein es im Zug oder im Warteraum ihres Hausarztes) in ihrer Umgangssprache zu begegnen, ihren Kindern den Wert der Zweisprachigkeit und somit auch die Verwurzelung weiterzuvererben und sich auf diese Weise auch wirklich beheimatet fühlen. So wie es in vielen slowenischen Liedern zum Ausdruck kommt, in denen diese Sehnsucht ausgedrückt wird: Roz, Podjuna, Zila, venec treh dolin, moja domovina, narod moj trpin ... Rosental, Jauntal und Gailtal, der Kranz dreier Täler, meine Heimat...

Helena Breitfuss-Valesko ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART Kärnten

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Chris schrieb am 15.10.2013 13:13

Ortstafelstreit in Österreich! Einfach lächerlich! Leute habt ihr in Ösi Land keine anderen Probleme?

Hermann Popprath schrieb am 29.06.2011 14:27

Ich gebe dir vollinhaltlich recht, großzügig ist diese Lösung wirklich nicht. Danke für deinen Beitrag den ich für sehr wichtig halte und der mich auch sehr berührt hat.

Michael Pech schrieb am 28.06.2011 12:20

Liebe Helena!
Danke für Deinen interessanten Beitrag und viele herzliche Grüße von Michael

Fritz Zeilinger schrieb am 01.06.2011 13:31

Berührende und interessante Aspekte zu dieser seit über 5 Jahrzehnten offenen Diskrininierungswunde Öasterreichs. Danke!

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