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Blog und Diskussion

Anti-Gewalt-Training: Verschiedenheit als Chance

Herbert Janusch - 15.6.2011 11:11

Vor kurzem starteten wir wieder eine neue Gruppe im Anti-Gewalt-Training mit neuen Herausforderungen. Dreizehn Teilnehmer: zumindest zwei davon deklariert als „sehr rechts“, ein aus Schwarzafrika stammender junger Mann nebst deklariert „sehr links“ stehendem Kumpel, ein älterer Familienvater aus dem ehemaligen Jugoslawien, der seine Tochter verletzt hatte und acht weitere Personen mit interessanten (Lebens)Geschichten. Gemeinsam ist ihnen allen die Begehung von Gewaltdelikten.

Die wenigen bisherigen Termine waren sehr interessant. Gräben und Fronten taten sich auf, schlossen sich auch überraschend manchmal wieder von selbst; das eine oder andere Mal auch durch unser Zutun, durch unsere Interventionen. Wir waren bislang durchaus gefordert und es ist zu erwarten, dass das so bleibt.

Wir bieten seit nunmehr fünf Jahren Anti-Gewalt-Trainings in Gruppenform an. Dabei werden die begangenen Delikte in insgesamt etwa 60 Stunden, verteilt auf mehrere Monate, bearbeitet und gewaltfreie Handlungsalternativen erarbeitet. Mit inhomogenen Gruppen wie der eingangs beschriebenen haben wir in diesem Kontext fast ausnahmslos gute Erfahrungen gemacht. Seien es altersdurchmischte Gruppen, regionale Durchmischungen (städtisch und sehr ländlich) oder auch bezüglich der verurteilten Delikte – situative Gewalt in jeglicher Ausprägung, Gewalt im sozialen Nahbereich, aber auch häusliche Gewalt.

Die Verschiedenheit stellte sich letztlich fast immer als Chance, als Bereicherung heraus. Hinzu kommt, dass sich im Rahmen der Bearbeitung der Delikte und der Erarbeitung gewaltfreier Alternativen oft herausstellt, dass die Gemeinsamkeiten, die Ähnlichkeiten, das Wiedererkennen von eigenen Teilen im anderen ebenfalls in großem Maße vorhanden sind. Die zielgerichtete Nutzung und Verwendung dieser beiden Aspekte – Verschiedenheit und Gemeinsamkeit – kann sehr positive und konstruktive Ergebnisse erzeugen; kann uns unserem Ziel im Anti-Gewalt-Training, jedem einzelnen Teilnehmer soviel neue Lernerfahrung und gewaltfreies Know-how wie nur möglich für zukünftige Konfliktsituationen zukommen zu lassen, entscheidend näherbringen.

Es bleibt also immer eine hochinteressante Herausforderung. Aber das macht ja unter anderem die Arbeit mit Gruppen so spannend: dass es nie fad ist!

Herbert Janusch ist Abteilungsleiter bei NEUSTART Steiermark

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Susanne Pekler schrieb am 05.07.2011 15:08

Selbstverständlich ist es im AGT immer oberstes Prinzip, auf die Sicherheit der bereits zu Opfer gewordenen zu achten und zukünftige Opfer bzw gewalttätige Übergriffe bestmöglich zu verhindern, dies ist in allen Fällen das Ziel, verlangt aber nach unterschiedlichen Methoden und Interventionen je Einzelperson und Delikthintergrund, wofür jedoch sowohl in nach Deliktgruppen gemischten AGTs Raum ist und dies auch in Einzelarbeit mit jeweiligen Tätern ggf zu vertiefen ist.
Kooperation mit Komplementäreinrichtungen wie zb dem Gewaltschutzzentrum ist natürlich immer möglich und sinnvoll, wenns für den Einzelfall oder die Gruppe bzw vorallem für die betroffenen Opfer Unterstützung darstellt.
Es gibt keine Entscheidung, ausschließlich sehr heterogene oder sehr spezialisierte AGTs durch zu führen, es hängt immer wesentlich davon ab, welche Klientengruppe steht in welcher Region zu welchem Zeitpunkt zur Betreuung an und wie können funktionierende Trainings zusammengestellt werden.
Gerade das oben erwähnte Ziel, zukünftige Opfer zu vermeiden und auch die dringenden Apelle der zuweisenden Richter, raschestmöglich mit dem Training zu beginnen lässt es häufig wenig sinnvoll erscheinen, Klienten Monate oder gar Jahre lang auf einen Platz in einem SpezialAGT warten zu lassen.
Zudem haben die Erfahrungen vieler TrainerInnen aufgezeigt , das häufig allzu homogene Gruppen weniger von einander lernen können und es ausschließlich auf die Interventionen der TrainerInnen ankommt und wie diese vom E+inzelnen angenommen werden können, wohingegen ein Mehr an Heterogenität auch innerhalb der Gruppe zu vielschichtigerer Auseinandersetzung mit den wesentlichen Themen führt.
Auch ich meine nicht, dass alle situativen Gewalttäter jedenfalls auch zu Gewalt in häuslichem Umfeld an Partnerinnen und Kindern neigen. Aber wir wissen sehr wohl, dass es diese Parallelitäten gibt und das nach wie vor nicht jeder Vorfall im familiären Umfeld auch zur Anzeige gebracht wird. Immer wieder gestehen Täter im AGT ein, die wegen situativer Gewalt zugewiesen wurden, dass es auch in ihrem persönlichen Umfeld zu Taten gekommen ist oder sie diese jedenfalls nicht ausschließen können, wenn sie massiv unter Druck geraten. Gerade weil es uns so wesentlich ist, mit allem was uns an fachlichen Interventionen zur Verfügung steht, möglichst jeden weiteren Gewaltübergriff im familiären Umfeld zu verhindern, ist es sinnvoll und notwendig, in jedem AGT auch einen Schwerpunkt auf dieses Thema zu legen.Wer schon einmal oder öfters mit Zuschlagen auf eine Konfliktsituation reagiert hat, scheint jedenfalls potentiell gefährdet, dies auch im häuslichen Umfeld - seis aus Überforderung, gekränktem Stolz, Angst vor Verlust oder warum auch immer - so einzusetzen.
Was immer wir hier durch präventive Bearbeitung des Themas verhindern können macht natürlich Sinn !
Ich finde es gut, dass wir mittlerweile in zahlreichen Trainings in den letzten Jahren breite Erfahrungen durch unterschiedlichste Gruppenkonstellationen und Trainerpaarungen gewinnen konnten und lade ein, die bestehenden Intervisionsbesprechungen innerhalb der Einrichtung wie auch Einrichtungsübergreifend für gemeinsamen Austausch und Weiterentwicklung zu nutzen, so dass jederzeit sichergestellt bleibt, dass jedes AGT an jedem Standort stets mit höchster fachlicher ExpertInnenschaft und breiter Methodenvielfalt den Problemstellungen jedes einzelnen Teilnehmers gerecht wird und unsere TrainerInnen sich am aktuellen Stand der Wissenschaft und des lebhaften Fachdiskurses orientieren.

Edeltraud Lechner-Schlager schrieb am 05.07.2011 10:44

Korrektur: Natürlich muss es in meinem Kommentar heißen:"...., die ja während des AGTs weiter mit dem Täter zusammenleben."

Edeltraud Lechner-Schlager schrieb am 04.07.2011 13:50

Den Ausführungen, dass im AGT die Vielfalt und Verschiedenheit der Teilnehmer, ihrer Lebensgeschichten und ihrer Delikte "fast ausnahmslos" eine Bereicherung darstellt und wechselseitiges Lernen damit initiiert wird, kann ich nur bedingt folgen.
Meine Erfahrungen seit der Installierung der AGT - Gruppen (und in der Gruppenarbeit bzw. den Kursmaßnahmen davor) ist, dass die Bereicherung schon bald an ihr Ende gelangt, wenn der 15-jährige Bursche türkischer Abstammung, der in der Gruppe delinquiert hat, neben dem 50-jährigen oststeirischen Bauern sitzt, der daheim Frau und Kinder mißhandelt hat. Die unterschiedlichen Lebensphasen und Delikte können in der Gruppe auch dazu führen, dass für einzelne weniger "in die Tiefe" gegangen werden kann, weil wir als Trainer darauf schauen müssen, wie weit jeder mitkann.
Gerade was den Bereich der häuslichen Gewalt betrifft, betauere ich es sehr, dass nach einem 'AGT Häusliche Gewalt', das ich mit Rainer Schafhuber in Graz geleitet habe und bei dem die Zusammenarbeit mit dem Gewaltschutzzentrum gut funktioniert hat, beschlossen wurde, nur mehr auf die Bereicherung durch Vielfalt zu setzen.
Gewalt im familiären Bereich kann meines Erachtens nach nicht gleichgesetzt werden mit Gewalt in situativen Konflikten und auch nicht gleich bearbeitet werden, die Dynamik und die Konsequenzen sind unterschiedlich. Bei häuslicher Gewalt handelt es sich meist nicht um isolierte Handlungen, sondern oft um eine Kombination von physischer, psychischer, sexueller und ökonomische Gewalt, daher geht es hier nicht um punktuell um Gewalttaten, sondern um Gewaltbeziehungen bzw. - muster.
Im AGT hG sollte immer Bedacht auf die Sicherheit der Opfer genommen werden, die ja während des AGTs unter Umständen weiter mit dem Opfer zusammenleben. Das fällt in einem spezialisierten AGT wesentlich leichter.
Ich kann auch nicht bestätigen, dass die meisten situativen Gewalttäter ohnehin in der Familie auch gewalttätig seien und darum das Thema alle betreffe, das weiß ich zu wenig und ich kenne auch keine diesbezüglichen Forschungsergebnisse.
Natürlich bieten unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen Chancen im Kontakt miteinander, auch das habe ich natürlich in den AGTs erfahren, aber ich hoffe sehr, dass hinkünftig auch spezialiesierte AGTs wieder eine Chance bekommen!!

Alexandra Lidl schrieb am 15.06.2011 14:33

Nutzung der Verschiedenheit in Gruppen:
Um Verschiedenheit in Gruppen so zu händeln, dass bei Teilnehmern im AGT die Bereitschaft entsteht Interesse für ein Gegenüber zu entwickeln und darüber hinaus Neugierde für gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten zu entwicklen, braucht es meiner Erfahrung nach einen stabilden Rahmen, also STABILITÄT im Sinne von Anerkennung und Wertschätzung dessen, was die Teilnehmer an Wissen und Ressourcen mitbringen.
Die von den Trainern angeleitete Auseinandersetzung, mit den Fragen: Was kann ich schon?, Was stabilisiert mich? kann das Interesse am DU wecken.
In weiterer Folge die Beschäftigung mit den eigenen Zielen und der darüberstehenden Frage: Wo will ich hin? und Was brauche ich noch dafür? baut die Brücke zu der konkreten Deliktbearbeitung. Hier geht es dann sozusagen darum, die Scheinwerfer soweit aufzudrehen, um ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, welche situativen und persönlichen Ursachen bei der Entscheidung für oder gegen Gewalt eine Rolle spielen.
Als Trainer kann ich die Helligkeit der Scheinwerfer auf - oder abdrehen und mein Teilnehmer kann wiederum entscheiden: " Setz ich jetzt die Sonnenbrille auf, mache ich die Augen zu oder schaue ich hin?

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