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Blog und Diskussion

Zauberwort Wirkungsorientierung

Mag. Klaus Priechenfried - 22.2.2012 08:31

Das neue Zauberwort heißt Wirksamkeit – doch was steckt dahinter? – Im Film Orfeo Negro sitzt der Orfeo am schönsten Aussichtsplatz von Rio de Janeiro und sagt den Kindern, dass er mit seiner Gitarre bewirken kann, die Sonne aufgehen zu lassen. Die Kinder sehen ihn bewundernd und etwas ungläubig an. Dann nimmt Orfeo die Gitarre (es ist die in den Tropen wegen der geringen Hitze beliebte Morgenstunde in der Dämmerung) und beginnt langsam zu spielen. Der Horizont wird etwas heller und gerade als das Musikstück in den Rhythmus eines Samba verfällt zeigt sich das erste Leuchten der Sonne am Horizont: „Seht ihr, ich habe mit meiner Gitarre die Sonne aufgehen lassen!" Die Kinder bewundern Orfeo und tanzen. Ob sie ihm glauben bleibt dahingestellt.

Wir alle wollen wirksam sein. Wir nehmen uns Ziele vor und hoffen, sie zu erreichen. Verwirklichte Absichten sind Ziele im positiven Sinn. Um diese Ziele zu erreichen ergreifen wir Maßnahmen. Wir wählen solche, von denen wir glauben, dass sie geeignet sind, die Ziele zu erreichen – die also wirksam sind. So weit eigentlich klar, aber: Wie wissen wir – ganz besonders bei der Arbeit mit so komplexen Angelegenheiten wie Menschen und sozialen Zusammenhängen – ob die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, die richtigen waren? Eine einfache Antwort liegt immer auf der Hand: Wenn ich mein Ziel erreicht habe, war die Maßnahme wirksam. Bis dann ein Skeptiker kommt und anfängt lästig zu werden: Woher bist du so sicher? Hätte sich der Erfolg womöglich auch eingestellt, wenn du etwas ganz anderes getan hättest? Vielleicht sogar, wenn du gar nichts getan hättest? Womöglich wäre der Erfolg dann noch größer gewesen?

Wir können dem Skeptiker auf der Ebene, auf der er Beweise verlangt, nur dann die Stirn bieten, wenn wir sogenannte kontrollierte Zufallsstichproben haben, bei denen die eine Gruppe ein Hilfsangebot bekommt und die andere eine neutrale Maßnahme, die sicherlich nichts mit dem Ziel zu tun hat. Sollten sich diese beiden Gruppen hinsichtlich der erwünschten Zielerreichung voneinander unterscheiden, können wir die Wirkung eindeutig der Maßnahme zuordnen, sonst nicht. Wenn soziale Organisationen für die Wirksamkeitsmessung solche Beweisführungen verlangen, dann müssen sie sehr viel Aufwand in Forschung investieren!

Wenn wir aber einen kleinen Schritt zurückgehen und dem Skeptiker insofern recht geben, als der letzte Beweis, welche Maßnahme genau wirksam war, nicht gegeben werden kann, werden wir so fündig wie die Kinder bei Orfeo: Wir wollen ein Ziel erreichen und wir tun alles um messen zu können, ob wir es erreichen. Sollte dann einer meinen, die Sonne wäre auch ohne uns aufgegangen – geschenkt! Hauptsache, sie ist da. Wir alle wissen, wie schwierig es ist, in sozialen Gefügen, die einmal aus dem Gleichgewicht gekommen sind, wieder Ruhe und Sicherheit einkehren zu lassen. Wir wissen auch, dass kein Skeptiker (außer um der Argumentation willen) bestreiten wird, dass es schwere Arbeit ist, hoch eskalierte Konflikte wieder zu beruhigen. Wenn man sich daher vornimmt, dass eine soziale Situation wieder im Griff, ein Fehlverhalten erkannt und verändert, ein eskalierter Konflikt wieder beruhigt und befriedet ist und weitere Straftaten verhindert sind, dann ist das Ziel erreicht. Ob der Skeptiker dann beruhigt ist, bleibt offen; wenn das Ziel erreicht wurde, ist die Welt dennoch wieder in Ordnung.

Diesen kleinen Schritt hinter den handfesten Beweis zu gehen, hat einen Vorteil: Mit diesem Nachgeben erhält man im Gegenzug interessante Daten. Hält man am Beweis fest, wird die Mehrzahl der Bemühungen um unabhängige Stichproben scheitern. Nimmt man die mit den Leistungen verbundenen Ziele und versucht ihre Erreichung zu messen, so erhält man sinnvolle Daten, die Auskunft geben, inwiefern wir mit und für unsere Klientinnen und Klienten erreicht haben, was wir erreichen wollten. Dies entspricht nicht zuletzt auch der Haltung des ausgewiesenen Controlling-Fachmanns Christian Horak: „Konkret erzielte Leistungsergebnisse sind auch anhand der vereinbarten Ziele überprüft" (Christian Horak et al., Ziele und Strategien von NPOs, S. 222, in: Badelt, Ch. (Hg.) Handbuch der Nonprofit Organisationen. Stuttgart 2002).

Scheuen wir uns also nicht, Orfeo singen zu lassen, damit die Sonne aufgeht!

Mag. Klaus Priechenfried ist Leiter von NEUSTART Wien 2

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Reinhard Möstl schrieb am 23.02.2012 14:58

Lieber Klaus,
Du hast mit Deinem Artikel die Sache sehr gut auf den Punkt gebracht, herzlichen Dank. Ich sehe das genauso wie Du, bisweilen können wir die Wirkung klar erkennen, wie z.B. bei einer Schuldenregulierung oder Unterbringung in eine Notschlafstelle, in anderen Bereichen wie bei der Psycho- Sozialen Situation wird es wohl andere Faktoren geben die ebenso und stärker wirken wie die Betreuung durch Neustart.
Oft wird es uns so gehen wie Orfeo, wir sehen eine Veränderung beim Klienten und freuen uns mit ihm über seinen Erfolg.
So wünsche ich uns allen daß wir of eine "Gitarre des Lebens" finden, auf der wir spielen können und die dazu notwendige Bescheidenheit, daß wir nicht für den Sonnenaufgang verantwortlich sind, ihn aber vielleicht gemeinsam mit dem Klienten bestaunen können.

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