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Blog und Diskussion

Wiedergutmachende Gerechtigkeit: kein Schlagwort!

Wolfgang Sparber - 14.3.2012 08:53

Zwei fünfzehnjährige Jugendliche überfallen eine betagte ältere Frau. Im Zuge des Raubes stürzt die Frau so unglücklich, dass sie sich schwere Verletzungen zuzieht. Eine weitere Folge ist die Verurteilung der Jugendlichen wegen Raubes beziehungsweise schweren Raubes. Dem Opfer wird bereits im Strafverfahren ein Teilschmerzengeld zuerkannt. Weitere Forderungen, die aufgrund der Schwere der Verletzung mehrere tausend Euro betragen, sollen in einem Zivilverfahren beziehungsweise außergerichtlichen Verfahren geregelt werden. Auch hier gilt, wie bereits im Strafverfahren, das Prinzip „zu ungeteilten Handen“.

Die §§ 1301 und 1302 ABGB „Verbindlichkeit zum Schadenersatz“ regeln: Wenn ein Schaden vorsätzlich zugefügt wird und die Anteile der Einzelnen nicht bestimmbar sind, dann haften  „Alle für Einen, und Einer für Alle“. Die Zahlung „zu ungeteilten Handen“ zu verlangen, wird sowohl von einem der Jugendlichen als auch seiner Familie als ungerecht empfunden. Es fehlt das Verständnis, dass die Forderungen einer gemeinsam verübten Straftat auch an nur einen Beteiligten gerichtet werden kann; zum Beispiel dann, wenn dem anderen Beteiligten die Ressourcen zur Begleichung fehlen. Der Betroffene wollte auch nicht akzeptieren, dass er als quasi in Vorlage Getretener nach erfolgter Schadenswiedergutmachung dann Regressforderungen an den anderen Beteiligten stellen kann.

Die Arbeit der Bewährungshilfe begann in diesem Fall mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Jugendlichen und seiner Familie und mit dem Zurechtrücken ihrer Perspektive hin zur Opferorientierung. Das bedeutet, von der Position der Täterperspektive, also der eigenen Wahrnehmung, abzurücken, um den Fokus auf die berechtigten Opferinteressen zu lenken: Das Opfer braucht eine rasche und vollständige Schadenswiedergutmachung, egal von wem.

Diese Sensibilisierung für die Opferinteressen war eine wichtige Voraussetzung, um zwischen Täter und Opfer eine Lösung im Sinne einer wiedergutmachenden Gerechtigkeit zu finden. So gelang es auch, eine – zumindest finanzielle – „gerechte“ Wiedergutmachung zu treffen, die sowohl Rücksicht auf das Opfer und dessen Interessen als auch auf den Täter nahm, indem ein angemessener Betrag ohne langwieriges Zivilverfahren bezahlt wurde. Neben der Befriedigung des Opfers übernahm der Klient so ein Stück Verantwortung für die Folgen seiner Tat, aufrecht und konstruktiv, ohne sich als Opfer einer abstrakten Rechtsnorm zu fühlen. Der Wert des Vorgehens lag also nicht im Zwang, sondern in der letztlich durch Empathie für das Opfer entstandenen selbstbestimmten Initiative des Jugendlichen.

Wolfgang Sparber ist Abteilungsleiter bei NEUSTART Tirol

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