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Hier finden Sie Beiträge rund um die Arbeit mit und von NEUSTART. Abweichendes Verhalten bis hin zu Straffälligkeit zeigt sich in unterschiedlichsten Alltagssituationen und kann jeden von uns betreffen; auch wenn man üblicherweise nicht mit NEUSTART zu tun hat. Darüber erzählen wir im intro.
Das Schweigen der Kinder
Der „Fall Amstetten“ löst Entsetzen aus, weil niemand etwas bemerkt hat von der Tragödie, die sich in einer vielköpfigen Familie abgespielt hat. Die Suppe des Grauens (Zutaten: Sex, Gewalt, Familie, Macht, Verantwortung, Behörden, Vermögen) verkocht sich nach aufwallender Fassungslosigkeit zur Frage „Wie kann ein Mensch so etwas machen?“. Dazu noch eine Prise Selbstentlastung („es hat doch alles normal ausgesehen“) garniert mit dem Sahnehäubchen, flächendeckend und sicherheitshalber alle (Sexual)Straftäter unbarmherzig und möglichst über die Ewigkeit hinaus bestrafen zu wollen.
Alles schien normal, niemand konnte etwas bemerken, weil alles von Stillschweigen durchdrungen war. Stillschweigen? Kinder schweigen laut – man muss nur das, was sie nicht artikulieren können, hören, indem man genau hinschaut und es sieht. Kinder zeigen in unterschiedlichen Ausprägungen an, wenn etwas nicht passt – durch auffälliges, furchtsames oder angepasstes Verhalten, Bettnässen, Essstörungen, Selbst- oder Fremdaggression, sich zurückziehen, davonlaufen…
Nur: Wie genau schauen wir? Wie viel Zeit nehmen wir uns, um unser Umfeld aufmerksam zu beobachten? Registrieren wir überhaupt noch, wie es den Menschen rund um uns wirklich geht? Erkennen wir, was nicht „normal“ ist, und wenn ja, was tun wir? Trauen wir uns, etwas zu sagen oder gar zu tun? Sobald es um unser Heim und unsere Familie geht, ist jeder Monopolist. Da lässt sich niemand gerne dreinreden – deshalb sind wir auch bei anderen zurückhaltend und scheuen uns vor Einmischung.
Wir können nicht wirklich fassungslos sein und uns fragen, wie ein Mensch zu solchen Taten, wie sie in der Familie aus Amstetten passiert sind, fähig sein kann. Wir brauchen nicht einmal siebzig Jahre in die Zeit des Nationalsozialismus zurückzugehen, um zu sehen, zu welchen Gräueltaten Menschen fähig sind - und wie viele grausame, ungerechte und unfassbare Gewalttaten man übersehen, rechtfertigen oder selbst begehen kann. Permanent und weltweit gibt es Missbrauch, Gewalt und Verbrechen - innerhalb und außerhalb von Familien, in politischen Systemen oder ideologischen Gruppierungen. Täglich erschließt sich uns via Medien das mannigfaltige Repertoire menschlicher (und von Religion und Nationalität unabhängiger) Abartigkeiten. In einer Fülle, die uns gegenüber unspektakulären Fällen schon wieder abstumpfen lässt.
Amstetten ist, so traurig das ist, auch kein Einzelfall, wie jüngste Berichte aus Frankreich zeigen. Schlimmer noch: Dort wusste offenbar ein ganzes Dorf Bescheid darüber, dass ein Mädchen von ihrem Adoptivvater und ihrer Stiefmutter gequält, misshandelt und missbraucht wurde (und mehrere Kinder, gezeugt vom Adoptivvater, gebar). Trotzdem hat niemand eingegriffen – die scheinbare Legitimation für eine Normalität, die keine war. Unrecht wird durch Akzeptanz nicht zu Recht. Doch das weiß ein Opfer, das nie eine andere Situation kennen gelernt hat, nicht. Deshalb braucht es oft so lange Zeit, bis Opfer ihr Schweigen brechen – dann nämlich, wenn sie das Unrecht, das ihnen angetan wurde, erkennen und benennen können.
Dass nach furchtbaren Taten reflexartig der Ruf nach harten Strafen auftaucht, ist verständlich. Wenn aber bestimmte Taten gnadenlose Sanktionen legitimieren, erübrigt es sich, zu fragen, wie Menschen wozu auch immer fähig sein können. Experten meinen, dass Therapie und Konfrontation mit der Tat härter sind für den Täter als lebenslange Haft oder (chemische) Kastration. Das scheint auf den ersten Blick sozialromantische Schonung der Täter und entspricht nicht unserem Bedürfnis nach Rache. Doch es geht darum, sinnvolle Maßnahmen einzusetzen, um neue Opfer zu verhindern. Genugtuung mag insbesondere für Opfer wichtig sein, sie evoziert aber keine Prävention oder Bewusstseinsarbeit in unserer Gesellschaft. Die Gesellschaft, das ist jeder Einzelne von uns, der dafür Verantwortung trägt, dass Stillschweigen und Ignoranz ein Ende haben.

Dorit Bruckdorfer
NEUSTART Redakteurin











